Ausgabe 1 / 2004 Frauen in Bewegung von Ulrike Helwerth

Herta Leistner

"Ich bin ein ziemlich treuer Mensch"

Von Ulrike Helwerth

Gelnhausen ist ein hübscher Ort im Kinzig-Tal. Zu seinen touristischen Sehenswürdigkeiten gehört auch der „Hexenturm“, der zu Zeiten jener Pogrome als Verlies diente. Ein Denkmal davor erinnert seit 1986 an die Opfer. Ein paar Minuten bergauf liegt das Frauenstudien- und Bildungszentrum der EKD. Was aber, um Gottes Willen, hat der Turm mit dem Anna-Paulsen-Haus zu tun? Mehr, als eine glauben möchte. Und das hängt vor allem mit Herta Leistner zusammen.

Als Häretikerin wurde sie bekämpft, als Vorkämpferin für Feministinnen und Lesben in der Kirche geehrt. Dabei ist ihr Unbotmäßiges, gar Aufrührerisches, zunächst nicht zuzutrauen. Zurückhaltend ist sie, unauffällig. Markant ist ihr schwäbischer Akzent. Geboren wurde Herta Leistner 1942 in Altensteig im Schwarzwald. Das Elternhaus war evangelisch und „fromm“, da lagen Mädchenkreis und später die Pfadfinderinnen nahe. Eigentlich wollte sie Sport- und Hauswirtschaftslehrerin werden. Der Selbstmord der Mutter setzte diesem Plan ein Ende. Die Sechzehnjährige musste erst einmal Vater und Bruder versorgen. 1959 beginnt sie ein Freiwilliges Diakonisches Jahr in der Evangelischen Diakonissinnenanstalt in Stuttgart. Dort befreundet sie sich innig mit einer jungen Diakonisse. Die Schwestern sehen die Verbindung nicht gerne, „obwohl da gar nichts war“. Das junge Mädchen ist verunsichert. Sie spürt, dass sie „anders“ ist; schon in der Schulzeit hat sie für die Lehrerin geschwärmt anstatt für Jungen. Für das, was sie fühlt, hat sie keine Worte. Es kann aber nur Sünde sein.

Später folgt eine Ausbildung zur Gemeindehelferin, die zunächst in die evangelische Mädchenarbeit mündet. Ermutigt von einer Lehrerin holt sie das Abitur in der Abendschule nach und beginnt 1969 in Tübingen mit dem Studium der Sozialpädagogik. Es ist die Hochzeit der Studentenbewegung, der Anfang der autonomen Frauenbewegung, der auch Herta Leistner später „sehr viel verdanken“ wird. In diese Zeit fällt ihre erste Liebesbeziehung zu einer Frau. 1974 nimmt sie in der Evangelischen Akademie Bad Boll eine Stelle als Studienleiterin an.1977 darf sie zu einer sechsmonatigen Weiterbildung in die USA. Besonders beeindruckt ist sie von der amerikanischen Frauenbewegung, das Buch der feministischen Philosophin Mary Daly „Beyond God the Father“ verschlingt sie regelrecht . Mit „roten Ohren“ kehrt sie aus den Staaten zurückgekehrt und mit dem Entschluss: So was müssen wir auch machen.

In der Evangelischen Akademie Bad Boll keimt ab 1979 eine der wichtigsten Zellen kirchlicher Frauenbewegung. Die Tagungen der „Werkstatt Feministische Theologie“ sind gefragt und immer voll. In den Diskussionen über Gott, Göttin und die Welt aber bleiben lesbische Frauen lange ein Tabu-Thema. Einmal baut Herta Leistner eine kleine Lese-Einheit über Lesbischsein ein. Es wird mucksmäuschenstill. Auf den Gängen wird später gemunkelt: „Die Herta ist wohl selber lesbisch.“ Das Thema ist damit erst einmal erledigt. Und doch „liegt es in der Luft“ und arbeitet in vielen weiter.
Ende 1983 schreiben Herta Leistner und einige Mitstreiterinnen einen Aufruf, den sie über private Verteiler, aber auch über feministische Publikationen veröffentlichen. „Gibt es überhaupt lesbische Frauen in der Kirche? Wenn ja, so meldet euch doch!“ Die Antworten kommen erst spärlich, dann immer zahlreicher. Rund 300 Frauen melden sich. 1985 findet in der Akademie Arnoldshain die erste Tagung für Lesben in der Kirche statt, alle weiteren später in Bad Boll. Der Zulauf ist groß, auch wenn im Programm nichts von Lesben steht und es nur unter der Hand an „Einschlägige“ weitergegeben wird. Das Ende der Heimlichkeit ist 1987 erreicht. Im Kreuz-Verlag erscheint das Buch „Hättest du gedacht, dass wir so viele sind? Lesbische Frauen in der Kirche.“ Darin erzählen Diakoninnen, Pfarrerinnen, Theologinnen, Lehrerinnen und andere von ihren Erfahrungen. Die meisten anonym. Eine der drei Herausgeberinnen ist Herta Leistner. Die „sanften Verschwörerinnen“, wie sie sich damals im Untertitel nennen, schlagen in der Kirchenhierarchie ein wie eine Bombe. Es gibt Überlegungen gegen Herta Leistner ein Disziplinarverfahren durchzuführen, weil sie im Buch mit ihrer Dienstadresse als Anlaufstelle für lesbische Frauen genannt wird. In einem regelrechten „Inquisitionsverhör“ werfen ihr klerikale Vertreter vor, sie habe aus der Akademie einen „Tempel der lesbischen Liebe“ gemacht. Und sie verlangen, dass alle diese Themen aus dem Programm gestrichen werden.

Die Themen bleiben, Herta Leistner bleibt. „Eigentlich“, beteuert sie, „bin ich eher harmoniegeprägt, aber ich lasse mir meinen Glauben und meine Lebensweise nicht absprechen. Da bin ich stur wie ein Panzer.“ Zum Glück. Denn Bad Boll ist nur ein Vorgeschmack auf spätere Attacken. Nach langen Verhandlungen hat eine Initiativgruppe „Frauenakademie“ die EKD soweit, ein eigenes Frauenstudien- und Bildungszentrum einzurichten: als praktischer Beitrag zur „Frauen-Dekade“.  1993 beginnt der Aufbau des Anna-Paulsen-Hauses – und gleichzeitig eine beispiellose Hetze, angeführt von evangelikalen Kreisen und deren Mediendienst „idea“. Sie richtet sich gegen „Kräfte der Irrlehre“, gegen „Extrem-Feministinnen“, weil sie die heilige Ehe bedrohten, weil sie „lesbische Partnerschaften“ gleichstellen wollten, die „Gruppensex“ propagierten, weil sie Lebenspartnerschaften auch zwischen mehr als zwei Frauen oder Männern für segenswürdig hielten, weil sie den Tod Jesu als „sadomasochistisch“ verhöhnten, kurz: weil sie die Sünde in die Kirche trügen. Es fehlt nur noch der Ruf nach dem Scheiterhaufen.

Die Hetze richtet sich vor allem gegen Herta Leistner, die als eine der beiden Studienleiterinnen des neuen Zentrums eingestellt worden ist. 12.000 Unterschriften sammeln evangelikale Gruppen gegen ihre Berufung. Sie fordern von der EKD, die Personalentscheidung rückgängig zu machen, verlieren aber den internen Machtkampf. Doch als im Sommer 1994 das Anna-Paulsen-Haus feierlich eingeweiht wird, versammeln sich 150 DemonstrantInnen am Rande des Festaktes mit Spruchbändern wie „Frauenzentrum oder Hexenkessel?“ 1996 bekommt Herta Leistner das Bundesverdienstkreuz für ihre „Verdienste um die Wahrnehmung und Emanzipation lesbischer Frauen in Kirche und Gesellschaft.“ Sie ist die erste, die mit einer solchen Begründung geehrt wird. Die Auszeichnung löst eine neue evangelikale Kampagne gegen sie aus und bringt das Bundespräsidialamt dazu, sich von der Laudatio öffentlich zu distanzieren, weil die Ehrung nicht nur für das Engagement für Lesben sei, sondern für das gesamte Engagement von Herta Leistner in Jugend- und Frauenarbeit.

Diese Geschichte fortgesetzter Kränkungen und Verleumdungen, die Assoziationen zu den Hexenverfolgungen hervorruft, erzählt Herta Leistner heute so sachlich, als sei sie Chronistin, nicht Leidtragende. Was hat sie durchhalten lassen? „Ich bin ein ziemlich treuer Mensch“, sagt sie, „was ich angefangen habe, versuche ich auch durchzutragen“. Zweifelsohne. Dieser Beständigkeit haben nicht nur lesbische Frauen in den Kirchen viel zu verdanken. Und viele, so weiß Herta Leistner „haben sich sehr ermutigt gefühlt durch mich“. Was ließe sich noch resümieren nach fast einem Vierteljahrhundert kirchlicher feministischer Bildungsarbeit? „Die Feministische Theologie hat in mir wieder die Begeisterung für den Glauben erweckt, von dem ich mich entfremdet fühlte. Und gemeinsam haben wir uns darin bestärkt, dass wir auch ein Teil, ein anderer Teil der Kirche sind.“ Dass dieser Teil inzwischen durchaus auch offizielle Anerkennung gefunden hat, darauf ist sie stolz. „Vielleicht“, sagt Herta Leistner, „war ich einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

Ulrike Helwerth ist Öffentlichkeitsreferentin des Deutschen Frauenrates und Redakteurin seiner Verbandszeitschrift FrauenRat.

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