Ausgabe 1 / 2023 Artikel von Katja Jochum

Mit den Narben weiterleben

Von Katja Jochum

Letztens haben wir es mal wieder gehört, unterwegs. Nach vielen trüben Tagen schien endlich die Sonne. Alles freute sich dem Himmelsblau entgegegen, das sich so lange versteckt hatte – und FM Radio sag: „It is hard to love your scars…“

Ja, es ist schwer, seine Narben zu lieben. Narben stören das glatte Erwartungsbild, das die Normalität zu sein scheint, wenn wir öffentliche Bilder ansehen. Makellosigkeit ist da ganz weit vorn. Was für ein Unsinn! Es sind die Unregelmäßigkeiten, die Zeichen, dass wir gelebt haben, die uns menschlich machen. Die von unserer Geschichte erzählen – die Linien, die sich eingeprägt haben, die vom Lachen und vom Weinen zeugen. Die Windpockennarbe und die Erinnerung auf unserer Haut, wie wir ganz früher mit dem Fahrrad gefallen sind. Die OP-Narben, die oft nur wir selbst sehen.

Vieles davon erzählt uns von Überstandenem. Das wir bewältigt haben. So, dass es Spuren hinterlassen hat. Du bist menschlich, du bist nicht unberührbar: das verkörpern unsere permanenten Hautsouvenirs. Mit ihnen, gerade den Krankheitsnarben, scheinen Lebenszeiten auf. Unsicherheiten, oft langes, banges Warten – und das Gefühl, trotz allem und in allem gehalten zu sein. Von denen, die uns lieben und mit denen wir auch durch diese schwarzen Brunnenlochtage gehen durften. Mit ihnen scheint Gottes Liebe auf, die zu uns durchgedrungen ist, mitten hinein in Zweifel und Sorgen. Auch auf sie geht der Spot: Menschen, die so unerwartet in unserem Leben wie Rettungsanker aufgetaucht sind, einfach – für uns – da waren.

Niemand muss Narben verherrlichen.
Sie kommen von ganz allein.
Sie erzählen von der Kraft
weiterzuleben.
Mit Veränderung.
Mit Verletzung.
Mit Heilung.

Selten sind sie mir derart bewusst geworden wie in den Duschen der Therme in der Reha-Klinik. Wenn wir einander so bloß begegnen und unsere Narben von dem Zeitfenster erzählen, das uns die zugehörigen Operationen geöffnet haben. Welch ein Glück, das danach nutzen und leben zu dürfen!

Gut, dass es in den letzten Jahren auch diese andere Richtung gibt, die uns neu denken lässt: die Dove Kampagne, in der Frauen mit Narben erscheinen – in gutem Licht und strahlend von innen; die Body Positivity Bewegung, die Menschen begleitet auf ihrem Erlebensweg vom Ideal zum lebenden Körper mit seinen De-facto-Spuren von dem, was wir genossen und erlitten haben. Die zum Annehmen ermutigt, zur Für-Sorge für den Körper, der wir auch sind.

It is hard to love your scars.
Wie geht es Euch mit den Lebensnarben?

Genießt den Tag, das Wochenende mit blauem Himmel und der Möglichkeit, draußen sein zu können ohne Sturm und Regen. Wenn sie sich zeigt, lasst Euch einen Augenblick von der Sonne wärmen.
Spürt, was Euch gerade besonders lebendig sein lässt.

Seid behütet –
mit allem, was das Leben in und
auf Euren Körper gezeichnet hat.
Seid behütet –
mit allem, was Euch jetzt drückt, und mit dem, was Euch glücklich macht.
Seid behütet,
so verletzlich, so geheilt Ihr seid,
so an Lebensschmerz erinnert –
und an die Aufgabe
und das Glück,
damit weiterleben zu dürfen.

Der Text ist der leicht gekürzte Nachdruck eines Wochenendgrußes an Gemeinden und Freund*innen mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Katja Jochum ist Pfarrerin der Ev.-luth. Kirchengemeinde Eidinghausen-Dehme in Bad Oynhausen; zuvor war sie Verbandspfarrerin der Ev. Frauenhilfe in Westfalen

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