Alle Ausgaben / 2009 Bibelarbeit von Luise Metzler

Denn er hat seinen Engeln befohlen

Bibelarbeit zu 1 Kön 17,8-16

Von Luise Metzler

Im Elias, dem großartigen Oratorium von Felix Mendelssohn Bartholdy, trösten die Engel Gottes Elia mit Worten aus Ps 91: „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“

Doch die Not endet nicht, weder die Not des Elia noch die Not aller anderen Menschen, die seit Jahren von Dürre und Hungersnot gequält werden: „Dem Säugling klebt die Zunge am Gaumen vor Durst. Die jungen Kinder heischen Brot, und da ist niemand, der es ihnen breche.“ (Klgl 4,4) Wie furchtbar das ist, kann ich nur ahnen. Viele heute alte Menschen aber erinnern sich noch gut, wie sich das anfühlt. Und zahllose Menschen in aller Welt, auf der Flucht vor Hunger und Kriegen oder politischer Verfolgung, erleiden es täglich am eigenen Leib.

Auch Elia ist in Gefahr zu verhungern und zu verdursten. Gott weist einen fragwürdigen Ausweg:

8Da erging das Wort der Ewigen an ihn: 9„Auf, geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und lass dich dort nieder! Ich habe dort eine Frau, eine Witwe, dazu bestimmt, dich zu versorgen.“ (1  Kön 17,8-9)(1)

Welch eine Zumutung: Sarepta liegt in Feindesland, im Land Baals, und Elia, Gottes Prophet in Israel, ist tief in diese Feindschaft verstrickt. Wenn Elia Gottes Rat folgt, läuft er Gefahr, gelyncht zu werden. Doch Elia geht – mit dem Mut der Verzweiflung? Oder vertraut er Gott, wie es die Engel Gottes im Oratorium sagen und wie es uns die Jahreslosung mit anderen Worten zuspricht: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ (Joh 14,1) Oder beides?

10Da machte er sich auf und ging nach Sarepta. Und als er zum Stadttor kam, war da tatsächlich eine Witwe, die Holz zusammenlas. Er rief ihr zu: „Bring mir doch ein wenig Wasser in einem Gefäß, damit ich trinke!“ (1 Kön 17,10)

Witwen im alten Israel und dem Vorderen Orient hatten es oft sehr schwer, vor allem, wenn – wie hier – keine erwachsenen Söhne die Versorgung garantierten.(2) Wenn die Hebräische Bibel Gerechtigkeit einfordert, dann geht es immer um das Verhalten gegenüber den Ärmsten und Ausgegrenzten. Dabei werden – gemeinsam mit Fremden wie Elia – jedes Mal Witwen ausdrücklich benannt.(3) Sie sollen erleben, dass Menschen sich ihnen gegenüber gerecht verhalten. Gott steht parteilich an der Seite dieser Menschen. Die Bibel schildert die Alltagswirklichkeit von Witwen als bedrückend. Oft sind sie gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt, mit denen sie um das Letzte geprellt werden sollen, was sie noch besitzen. Es geht um Grenzfrevel am Acker(4) um rücksichtslose Pfändungen des Hauses, des Rindes, des Kleides.(5) Witwen haben laut Tora das Recht, auf den Feldern Ähren nachzulesen.(6) Diese Arbeit ist saisonabhängig, sichert also allenfalls zeitweise das Überleben. Äußerst mühsam, entwürdigend und erniedrigend ist sie obendrein.(7)

Als Fremder kommt Elia nach Sarepta und ist dadurch rechtlich in einer lebensbedrohenden Lage.(8) Er trifft auf eine Witwe und ihren minderjährigen Sohn, die dem Hungertod nahe sind. Die Witwe und ihr Sohn – die Bibel nennt ihre Namen nicht – und Elia haben die gleichen äußerst schlechten Bedingungen zum Überleben. Als besonders bedrohte Bevölkerungsgruppen leiden sie noch mehr als alle anderen unter der Hungersnot. Denn bei Dürre steigen die Lebensmittelpreise immens, Arme können sie nicht mehr bezahlen. Die Witwe gibt Elia zunächst das, was sie dem Gastrecht folgend geben kann: Sie gibt ihm auf seine Bitte hin zu trinken. Doch Elia braucht mehr.

11Und als sie hinging, um es zu holen, rief er ihr nach: „Bring mir doch auch einen Bissen Brot in deiner Hand!“ 12Da sagte sie: „So wahr die Ewige, deine Gottheit, lebt: Ich habe nichts Gebackenes außer einer Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Nun, nachdem ich ein paar Holzscheite zusammengelesen habe, werde ich hineingehen und für mich und meinen Sohn etwas zubereiten. Und wir werden essen und sterben.“ (1 Kön 17,11-12)

Wasser schöpfen und mit Wasser versorgen ist von je her Aufgabe von Frauen. Sie sind es, die für sich und für ihre Umgebung Tag für Tag den Grundstock des Lebens, das Wasser, bereithalten. Ernähren kann die Witwe Elia nicht, selbst wenn sie es wollte: Sie steht selbst vor dem absoluten, existenziellen Aus. Ihre Vorräte reichen gerade noch für eine notdürftige Mahlzeit für sie und für ihren Sohn. Danach erwartet sie den Hungertod. Dennoch verzweifelt sie nicht von vornherein oder verfällt in tatenlose Resignation. Im Gegenteil: Sie ist auch jetzt noch bereit zu wirtschaften. Sie sammelt Holz, um die letzte Mahlzeit für sich und ihr Kind zu bereiten. Elia – der eigenen Not gehorchend – versucht sich sich mit ihr zu verbünden und holt Gott mit ins Boot.

13Elija sagte zu ihr: „Fürchte dich nicht, geh und bereite es ganz nach deinem Wort zu. Bereite davon nur für mich zuerst einen kleinen Brotfladen und bring ihn mir heraus – für dich und deinen Sohn sollst du erst danach etwas machen. 14Denn so spricht die Ewige, die Gottheit Israels: Das Mehl im Topf geht nicht zu Ende und das Öl im Krug nimmt nicht ab bis zu dem Tag, an dem die Ewige es auf den Erdboden regnen lässt.“ (1 Kön 17,13-14)

Elia bietet der Witwe ein Abkommen an: Wenn sie einwilligt, ihn zu versorgen und seinem Vertrauen in Gott zu folgen, dann sollen sie alle überleben können. Die Witwe willigt ein. Sie, die im Land der Wettergottheit Baal lebt, glaubt das Unglaubliche, greift nach diesem Strohhalm, vertraut Elia und dessen Gott:

15Da ging sie hin und handelte nach Elijas Anweisungen. Und sie hatte zu essen, er und sie und ihr Haus, Tag für Tag. 16Das Mehl im Topf ging nicht zu Ende und das Öl im Krug nahm nicht ab ganz nach dem Wort der Ewigen, geredet durch Elija. (1 Kön 17,15-16)

Bislang sah die Witwe keinen anderen Weg, als sich am Tod zu orientieren: „Und wir werden essen und sterben.“ (17,12) Die Solidarität zwischen Elia und ihr richtet ihren Blick vom Tod zum Leben. In einem Moment, in dem jede Verweigerung mehr als verständlich wäre, entscheidet sie sich zu teilen – und schafft so eine Lebensgrundlage für alle drei. „Wieder einmal geschieht, was so typisch ist: Es sind die Ärmsten oder selbst Fremde, die als erste Armen und Fremden helfen (vgl. Gen 19; Ri 19)“.(9)

Von Anfang an ist die Witwe die Handelnde und Aktive. Sie erfüllt die Bitte des Fremden oder lehnt sie begründet ab: Sie gibt ihm Wasser, weigert sich aber zunächst, Brot zu holen. Doch dann lässt sie sich überzeugen, die Mahlzeit zu teilen. Alltägliches wie die Zubereitung einer Mahlzeit wird zum zentralen Handeln in der Welt Gottes. Die Frau wirtschaftet solidarisch, ohne sich an der Besitzstandswahrung der Habenden zu orientieren.

Elia unterstützt die Witwe in ihrem Verhalten. Was er sagt, entspricht den Mutmachworten Jesu: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Wie später Jesus, so tritt Elia mit starken Worten dafür ein, dass die lebensfreundliche Ordnung Gottes Wirklichkeit wird. Die Witwe handelt. Sie zeigt, wie solches ganz praktisch aussehen kann und wie es in Solidarität aller Wahrheit werden kann. Sie tut, was von Frauen in aller Welt, oft unter ähnlich lebensbedrohlichen Verhältnissen, alltäglich getan wird: sie versorgt; sie ernährt. Darin wird sie zur Mitarbeiterin am Leben, zur Mitarbeiterin Gottes.

Dass so etwas auch heute wahr sein kann, erlebte ich in Brasilien bei den Bettelarmen. Ich war zu Gast bei Pfarrerin Ivoni Richter Reimer. Wir besuchten eine der ärmsten Familien in einer Favela von Rio de Janeiro. Einer der Söhne hatte Arbeit als Motorradkurier gefunden. Dann traf die kinderreiche Familie Schreckliches, der Sohn erlitt während einer Fahrt einen schweren Unfall. Er war, wie viele andere auch, nicht krankenversichert und so auf die medizinische Notversorgung angewiesen. Die aber ist oft miserabel. Seine Familie war in großer Angst. Würde er Schäden zurückbehalten? Würde er wieder arbeiten können? Wovon sollten sie leben?

Als wir bei der Familie ankamen, sahen wir ein Baby. Es war morgens vor der Tür gefunden worden – eines der vielen Kinder, deren Mütter keinen anderen Ausweg wissen als sie auszusetzen in der Hoffnung, dass sich jemand erbarmt. Die Familie hatte dieses Findelkind aufgenommen. Dabei wussten sie kaum, wie sie sich selbst ernähren sollten. Dabei war der Raum so eng und die Not so groß. „Wir können es doch nicht sterben lassen. Oder zulassen, dass es von Kinderhändlern verschleppt wird, die es zur Organtransplantation verkaufen. Wir werden es schon schaffen. Könnt Ihr helfen? Habt Ihr Milchpulver für uns?“ Von Gott sprachen sie nicht. Ivoni und ich schauten uns an und wussten: Hier ist Gott am Werke. Diese Menschen werden – wie Elia und die Witwe – zur Hand Gottes, die dem Leben dient.

Ein Wunder geschieht – in Rio de Janeiro und in Sarepta. Heute wie damals überleben Menschen, weil Menschen einander beistehen. Sie lassen sich nicht von Angst bestimmen, sondern vom „Fürchte dich nicht!“, zu dem die Bibel Jesu, unser Altes Testament, wieder und wieder einlädt(10) und das Jesus aufnimmt: „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Das Wunder beruht auf Gegenseitigkeit. Die Arbeit beider, die der namenlosen Witwe und des Elia, ermöglicht (Über-) Leben. Beide zeigen, wie Leben in Beziehung möglich ist. Israels Gott steht für Gerechtigkeit ein, denn Gott tritt bedingungslos ein für die Armen, Witwen, Waisen, Fremden, für die, die übel dran sind. Gott gibt ihnen die nötige Nahrung und schafft so die Voraussetzung für das Leben.

Aber das allein reicht nicht aus. Gerechtigkeit braucht mehr. Zur Versorgung gehört zwingend Zubereitung und gerechte Verteilung. Versorgung bedarf des wirtschaftlichen Handelns von Menschen, hier der Witwe. Sie ist Mitarbeiterin Gottes. Ihr Handeln dient dem Überleben derer, die sie brauchen, gemeinsam mit Elia, der Gott an ihre Seite holt. Ohne ängstliche Rücksicht auf das, was ihnen zur Verfügung steht, nämlich ein „eine Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug“, lässt die Witwe sich auf das Risiko des Teilens ein, und alle werden satt.

Die Witwe sagt nicht: „Wir können ja doch nichts tun!“, nach Dorothee Sölle der gottloseste Satz, den es gibt. Denn wer so denkt, rechnet nicht mehr mit Gottes Handeln an uns und in uns. Die Witwe wagt zusammen mit Elia das scheinbar Unmögliche – und drei Menschen überleben. Dadurch werden sie einander zu Engeln, die sich gegenseitig behüten. „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“


Für die Arbeit in der Gruppe

Zeit: 2 Stunden


Material

– CD des Oratoriums „Elias“ von Mendelssohn Bartholdy
– Text 1 Kön 17,8-16 in der BigS-Übersetzung für AbonnentInnen unter www.ahzw.de / Service zum Herunterladen vorbereitet
– Gesangbuch


Ablauf

– Die Motette „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ aus dem „Elias“ wird eingespielt.
Impuls der Leiterin: „Kennen Sie diese Musik?“ – „Wieso spricht Mendelssohn hier von Engeln?“ Falls es nicht von den TN erarbeitet wird, erklärt die Leiterin, dass Mendelssohn die Motette unmittelbar vor die Erzählung über die Witwe von Sarepta gestellt hat. Mendelssohn spricht von Engeln, die Elias behüten. In der Realität sind es aber keine überirdischen Wesen, sondern ist es eine handfeste Frau, durch die Elia überlebt.

– Der Text 1 Kön 17,8-16 wird verteilt und Vers für Vers gelesen und besprochen (Gruppenarbeit oder bei kleinen Gruppen im Plenum). Die Leiterin gibt Impulse aus der Bibelarbeit der ahzw.

– Lied: Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst (EG 656)
Impuls: „Gibt es heute Beispiele dafür, dass Menschen teilen, die eigentlich nichts zu teilen haben?“ Die Leiterin kann das Beispiel aus Rio de Janeiro einbringen.

– Lied: „Wenn das Brot, das wir teilen“ (EG 667)


Anmerkungen

1 Alle Bibelzitate nach der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache, hg. v. Ulrike Bail u.a., Gütersloh 2006. Die eingesetzten Varianten des Gottesnamens („der Ewige“), die für das JHWH des Hebr. Testamentes stehen, sind unterstrichen.
2 Siehe dazu das Buch Rut: Dort hilft die Solidarität und Freundschaft von Frauen, die beide Witwen sind, dieses lebensbedrohende Elend zu überwinden.
3 Vgl. Ex 22,21-23, Dt 10,18; 24,17-22, Ps 146,9, Jer 7,5-7; 22,3, Jes 1,17.23, Sach 7,10
4 Spr 15,25 und Dt 19,14
5 Haus: Mi 2,9; Rind: Hi 24,3; Kleid: Dt 24,17; ?Ex 22,25f u.a.
6 Lev 19,9f u.a.
7 Zur Situation von Witwen im alten Israel und im Vorderen Orient vgl. den umfangreichen Artikel Willy Schottroff: Die Armut der Witwen, insb. 62ff
8 Ri 19,1-30 ist ein Beispiel dafür, in welcher brutalen Weise eine solche Bedrohung Realität werden kann.
9 Crüsemann, 36
10 Z.B. in Dtn 1,21-29; Jos 1,9; 8,1; Jes 8,12; 18,8; 43,1; 44,2


Luise Metzler, geb. 1949, arbeitet – nach vielen Jahren zunächst im Beruf als Lehrerin, dann in Familie und Ehrenamt – an einer Dissertation über Rizpa, die David zur Toralehrerin wird (1 Sam 21). Sie ist Mitglied im Redaktionsbeirat ahzw und zuständig für deren Marketing.


Verwendete Literatur

Frank Crüsemann: Elia – die Entdeckung der Einheit Gottes. Eine Lektüre der Erzählungen über Elia und seine Zeit, Gütersloh 1997
Willy Schottroff: Die Armut der Witwen, in: Schuld und Schulden. Biblische Traditionen in gegenwärtigen Konflikten, hg. v. Marlene Crüsemann / Willy Schottroff, München 1992, 54-89.

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