Alle Ausgaben / 2011 Artikel von Carolin Mößnang

Die heimlichen Verführer

Liebe, die durch die Nase geht

Von Carolin Mößnang

Dass Liebe durch den Magen geht, ist sprichwörtlich. Doch treffender müsste es heißen: „Liebe geht durch die Nase“. Dies wird den meisten unter uns neu sein.

Tatsächlich wurde unser Geruchssinn lange Zeit unterschätzt. Erst die letzten Jahre intensiver Forschungsarbeit brachten Erstaunliches zutage. Demnach sind nämlich nicht Pizza, Schokolade und Kartoffelchips unsere heimlichen Verführerinnen, sondern – Gerüche. Und zwar eine ganz besondere Klasse von Duftstoffen, die in der Wissenschaft so genannten Pheromone.

Pheromone im Alltag

Wissentlich und willentlich sind Sie vermutlich noch keinen Pheromonen begegnet. Gleichwohl nehmen so manche alltägliche Ereignisse oder Reaktionen Bezug auf Pheromone. Wenn wir sagen, dass wir jemanden „nicht riechen können“, drücken wir damit Abneigung und Unwillen gegenüber einer Person aus. Haben wir hingegen eine oder einen „zum Fressen gern“, bedeutet dies, dass wir sie oder ihn besonders ins Herz geschlossen haben. Der Ausdruck erinnert an den bekannten Roman Das Parfum von Patrick Süskind. Der aus den Körpern schöner Frauen gewonnene Duft übt eine derart anziehende Wirkung aus, dass Grenouille, der Protagonist des Romans, letztlich von seinen berauschten Mitmenschen aufgegessen wird. Ist eine solche Wirkung von Pheromonen zum Glück auch Fiktion – der Roman beschreibt wunderbar anschaulich, welche Macht diesen Duftstoffen innewohnt.

Um beim Alltäglichen zu bleiben: Haben Sie sich schon einmal dabei erwischt, am Pyjama des Partners oder der Partnerin zu schnuppern, wenn diese/r für längere Zeit verreist war? Oder ist Ihnen aufgefallen, wie die Lust auf Sexualität schwindet, wenn Sie wegen eines heftigen Schnupfens vorübergehend nichts – auch den Partner oder die Partnerin nicht – riechen können? In solchen kleinen Dingen zeigt sich der Einfluss dieser besonderen Duftstoffe, dem die Forschung gerade langsam auf die Spur kommt.

Chemische Botenstoffe

Das Wort Pheromone stammt aus dem Griechischen, von phérein (tragen, überbringen) und horman (antreiben, erregen). Pheromone werden auch als Ekto-Hormone bezeichnet (griech. ektos: außen), also als hormonähnliche chemische Botenstoffe, die vom Körper freigesetzt werden, um in Artgenossen eine bestimmte, zum Beispiel physiologische oder Verhaltens-Reaktion auszulösen.

Diese Form der Kommunikation zwischen Vertretern einer Art findet sich bereits bei Einzellern, und hat sich im Laufe der Evolution über mehr als 500 Millionen Jahre bis hin zum Menschen erhalten. Der Unterschied zwischen den allgemein bekannteren Hormonen und Pheromonen liegt darin, dass erstere Information über „das Selbst“ vermitteln, während letztere Aussagen über „die Anderen“ machen. Das heißt, dass Pheromone evolutionsgeschichtlich als erste Form der sozialen Interaktion angesehen werden können.

Physiologie der Pheromone

Pheromone werden von spezialisierten Drüsen gebildet und abgesondert. Oft werden sie erst im Zusammenspiel mit Mikro-Organismen auf der Haut zu effektiven Botenstoffen umgesetzt. Beim Menschen handelt es sich bei diesen Drüsen um so genannte apokrine(1) Drüsen, die sich vor allem im Bereich der Achseln, der Schambehaarung und der Brust befinden. Apokrine Drüsen erreichen erst während der Pubertät ihre volle Leistungsfähigkeit – was ein deutlicher Hinweis für deren Rolle im Bereich Sexualität und Fortpflanzung ist.

Sobald die freigesetzten Botenstoffe von Artgenossen, das heißt „Empfängern“, aufgenommen werden, binden sie an Rezeptoren(2) eines spezialisierten Organs, dem so genannten vomeronasalen Organ. Dies ist ein Geruchsorgan vieler Wirbeltiere, das aus winzigen Einbuchtungen auf beiden Seiten der Nasenscheidewand besteht – also in direkter Nachbarschaft zur Riechschleimhaut, die dem eigentlichen olfaktorischen System zugeordnet ist. Ob auch Menschen dieses Organ haben, ist in der Wissenschaft umstritten. Vermutet wird, dass es sich bei vielen Menschen nach der Geburt zurückbildet. Allerdings scheint in diesen Fällen die Riechschleimhaut die Aufgabe der Pheromon-Entdeckung übernommen zu haben.

Sobald die Pheromone an den Rezeptoren binden, werden die Informationen in denjenigen Teil des Gehirns gesendet, der für Emotionen und für die Regulierung des Hormonhaushaltes zuständig ist. Somit sind Pheromone in der Lage, verschiedene Erlebens- und Verhaltensbereiche des Empfängers
zu beeinflussen, wie etwa Stimmung, Annäherungsverhalten, Fortpflanzung, und soziale Interaktion.

Psychologie der Pheromone

Pheromone arbeiten jenseits unseres Bewusstseins. Sie sind geruchlos und entziehen sich jeglicher Kontrolle. Hinzu kommt die Unausweichlichkeit des Riechens – während wir Augen und Ohren verschließen können, wird unser Geruchssinn mit jedem Atemzug stimuliert. Die Geruchsinformation gelangt auf direkten Weg in das limbische System – eine Ansammlung komplizierter Strukturen in der Mitte des Gehirns, die den Hirnstamm wie ein Saum (lat.: limbus) umgeben. In diesem evolutions-geschichtlich ältesten Teil des Gehirns entstehen Emotionen – und die sind der Motor für Lernen und Gedächtnis. Denn auch als rationale Wesen sind wir Menschen der Macht der Emotionen ausgeliefert. Emotionale Reize werden schneller und eindringlicher verarbeitet, lösen unmittelbare Verhaltensreaktionen aus und führen zu Entscheidungen, denen wir mehr vertrauen als rationalen Argumenten. Auf der Grundlage dieser Mechanismen entfalten Pheromone ihre Wirkung. Umso erstaunlicher erscheint es heute, dass den menschlichen Pheromonen lange Zeit jeglicher Einfluss auf unser Leben abgesprochen wurde.

Um das ganze Wirkungsspektrum von Pheromonen zu erfassen, muss ein weiterer, äußerst machtvoller Mechanismus angesprochen werden. Meist ist die Entdeckung und Verarbeitung der chemischen Botenstoffe mit bestimmten Umweltgegebenheiten verbunden. So nehmen wir zum Beispiel viele Pheromone auf, wenn wir am parfümierten Hals unseres Partners oder unserer Partnerin schnuppern. Durch die wiederholte Assoziation zwischen Parfum und Pheromonen wird es bald genügen, den Duft des Parfums in der Nase zu haben, um die entsprechende emotionale und hormonelle Reaktion auszulösen. Dieser Prozess, der als „Konditionierung“ bezeichnet wird, verleiht anderen sensorischen Reizen, zum Beispiel dem bloßen Anblick des Partners / der Partnerin, die Wirkung von Phero-monen, ohne dass diese Botenstoffe vorhanden sein müssen.

Funktion der Pheromone

In der Tierwelt spielen Pheromone eine zentrale Rolle für das soziale Miteinander. Der Geruch eines Artgenossen ermöglicht Rückschlüsse auf dessen Geschlecht, Alter, Stimmungslage, Gesundheitszustand, sozialen Status und genetische Ausstattung.

Pheromone lassen sich prinzipiell in vier Klassen unterteilen.

– Primer-Pheromone (engl. to prime: etwas vorbereiten, jemanden empfänglich machen) wirken vergleichsweise langsam, indem sie langfristige Veränderungen im Hormonhaushalt hervorrufen. Ein bekanntes Beispiel beim Menschen ist die Synchronisation der Menstruationszyklen von Frauen, die häufigen, intensiven Kontakt pflegen, zum Beispiel bei engen Freundschaften oder Wohnen auf engem Raum. Dieser Effekt wird einem weiblichen Pheromon zugesprochen. Dagegen führen männliche Pheromone zu einer Zyklusverkürzung, zu einem früheren Einsetzen der Pubertät und zu einer Verzögerung des Klimakteriums.

– Signaler-Pheromone (engl. to signal: etwas anzeigen) dienen der Information von Artgenossen. So beurteilen Menschen den Körpergeruch eines Partners / einer Partnerin als umso angenehmer, je stärker sich dieser vom eigenen unterschiedet. Diese Präferenz liegt in einem Pheromon begründet, das die genetische Ausstattung des „Senders“ widerspiegelt. Von einem genetischen Standpunkt aus betrachtet ist genetische Vielfalt ein Überlebensvorteil und eine wichtige Strategie für erfolgreiche Fortpflanzung.

Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel bezieht sich auf den bereits angesprochenen Begriff der Konditionierung. So werden symmetrische(3) Gesichter, rein visuelle Reize also, in der Regel als attraktiv empfunden. Die Bevorzugung der Symmetrie findet sich kulturübergreifend und ist bereits bei Kindern ausgeprägt. Untersuchungen haben ergeben, dass körperliche Symmetrie einen Hinweis auf genetische „Fitness“ darstellt. Mit anderen Worten: Symmetrie beweist, dass sich die Vorfahren des Individuums erfolgreich gegen Widrigkeiten der Umwelt und genetischen Veränderungen behaupten konnten. Interessanterweise wird der Körpergeruch von Menschen mit symmetrischem Körperbau als besonders angenehm eingestuft. Die Präferenz für symmetrische Gesichter könnte also eine Folge der Assoziation mit positiv wirkenden Pheromonen sein.

– Modulator-Pheromone (engl. to modulate: etwas abstimmen, modulieren) führen zu Veränderung der Stimmung und Motivation. Die meisten identifizierten Pheromone beider Geschlechter führen zu erhöhter Erregung, gesteigerter Attraktivitätsschätzung und verstärkter Reaktion auf emotionale Reize. In einem typischen Untersuchungs-Szenario werden Testpersonen geruchlose, gegengeschlechtliche Pheromonproben auf die Oberlippe getupft. Typischerweise werden daraufhin Fotografien von VertreterInnen des anderen Geschlechts als deutlich attraktiver eingeschätzt.

– Releaser-Pheromone (engl. to release: etwas freisetzen) lösen unmittelbare Verhaltensreaktionen beim Empfänger bzw. der Empfängerin aus. Säuglinge beispielsweise reagieren unmittelbar auf den Duft der Mutterbrust. Der Einsatz von Pheromonen zur Mutter-Kind-Bindung ist sinnvoll, denn das Sinnesrepertoire von Neugeborenen ist auf das Geruch- und Tastempfinden beschränkt.

Pheromone und Sexualität

Die genannten Beispiele belegen deutlich eine enge Beziehung zwischen menschlichen Pheromonen und Sexualität. Diese Verbindung lässt sich auch entwicklungsbiologisch nachvollziehen. Die Sexualität der Menschen ist von Beginn an auf ein funktionierendes Hormonsystem angewiesen.

Im Mutterleib spielen sich zentrale Prozesse ab. Die Ausbildung von Hirnzellen, die Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH)(4) freisetzen, führt zur Anreicherung von GnRH im wachsenden Embryo. Dieses Hormon ermöglicht die Ausbildung der primären Geschlechtsorgane (Eierstock und Hoden), die ihrerseits Hormone zur Ausbildung der sekundären Geschlechtsorgane bilden. Initiiert wird diese Kaskade von einer kleinen Struktur im Vorderhirn, dem Riechhirn. In diesem Teil des wachsenden Gehirns werden die notwendigen, GnRH freisetzenden Neurone(5) gebildet, die dann in die Schaltzentrale unseres Hormonsystems, den Hypothalamus, wandern. Im Krankheitsbild des Kallmann's Syndrom wird genau dieser Prozess unterbunden. Durch eine Fehlentwicklung des Riechhirns fehlen grundlegende hormonelle Veränderungen. Dies führt zu einer Unterentwicklung der Keimdrüsen, zu völligem Ausbleiben der sekundären Geschlechtsmerkmale und einer Unfähigkeit, Gerüche und Pheromone wahrzunehmen. Die Entdeckung einer derart direkten Verbindung zwischen Sexualität und Geruchssinn hat selbst so manche GeruchsforscherInnen überrascht.

Weit weniger überraschen Überlegungen zu menschlichen Pheromonen und sexueller Orientierung beziehungsweise Identität. Erste Hinweise gibt es aus der Tierwelt. Weibliche Mäuse, denen das vomeronasale Organ entfernt wurde, verhielten sich ganz und gar nicht „weiblich“. Sie wiesen männliche Annäherungsversuche ab, blieben von anwesenden Männchen unbeeindruckt und pflegten auch keinen Nestbau. Es scheint, dass Pheromone, zumindest bei Mäusen, „typisch“ männliche und weibliche Verhaltensweisen festlegen.
Was passiert nun, wenn einem Menschen die Welt der Pheromone verschlossen bleibt? Würde das bedeuten, dass sich dieser Mensch seiner Sexualität ebenfalls unsicher ist? Vermutungen dieser Art sind reine Spekulation. Bisher wurde nie untersucht, ob fehlende oder veränderte Wahrnehmung von Pheromonen das Auftreten von Transsexualität oder veränderter sexueller Orientierung begünstigen. Eine Hypothese besagt, dass im Falle der Homosexualität die Pheromon-Wahrnehmung „umgepolt“ sein könnte – dass also homosexuelle Männer und Frauen nicht auf die Pheromone des anderen Geschlechts reagieren, sondern vielmehr auf die des eigenen. Auch diese Hypothese wurde bisher nicht ausreichend untersucht. Gleichwohl unterstreicht sie die zunehmende Erkenntnis, dass die Sexualität des Menschen unvergleichlich stark durch unser Geruchssystem beeinflusst wird.

Carolin Mößnang, 27 Jahre, ist Diplom-Psychologin und arbeitet derzeit am Uniklinikum Aachen an ihrer Promotion; u.a. betreut sie dort ein Projekt zum Riechen im Rahmen der Schizophrenie-Forschung. Bereits in ihrer Diplomarbeit hat sie sich mit Gerüchen beschäftigt und sich die Duft-induzierte Hirnaktivierung bei Gesunden und bei Patienten mit Parkinson angesehen (http://cercor.oxfordjournals.org/content/early/2010/11/03/cercor.bhq202.short?rss=1). Denn bei Parkinsonpatienten, wie auch vielen anderen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen, ist das Riechhirn oft das allererste zentralnervöse System, das von der Erkrankung betroffen ist.

Anmerkungen:
1
griech. krinein: abgeben
2 Als Rezeptor wird in der Biologie eine spezialisierte Zelle bezeichnet, die bestimmte äußere und innere chemische oder physikalische Reize in eine für das Nervensystem verständliche Form bringt.
3 griech. symmetria: Ebenmaß
4 Gonaden von griech. gone: Geschlecht und aden: Drüse
5 griech. neuron: Nerv – eine erregungsleitende Zelle

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