Alle Ausgaben / 2014 Material von Anne-Sophie Waag

Die Wilde 13 in Bernburg

Von Anne-Sophie Waag


„ASF! Alle sind ferrückt! ASF! Alle sind ferrückt!“ Die Tür des Bootshauses des Campingplatzes, auf dem das ASF-Sommerlager in Bernburg im Juli 2011 untergebracht war, öffnete sich und heraus kamen wir: die lachende und „ferrückte“ ASF-Sommerlagergruppe. Wir waren 13 junge und ältere Frauen und Männer mit und ohne Behinderung zusammen in einem Sommerlager. Die übrigen Gäste auf dem Platz schauten nur kurz auf. Inzwischen hatten sie sich an unsere Anwesenheit gewöhnt. Dann machten wir uns, wie jeden Morgen, auf den Weg in Richtung des großen Psychiatriekomplexes, auf dessen Gelände sich bis heute die Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“ Bernburg befindet. Hier verbrachten wir den Großteil unseres Sommerlagers. Wir strichen den Seminarraum neu und beschäftigten uns in der Gedenkstätte, bei Ausflügen und in Workshops mit dem Thema „Euthanasie im Nationalsozialismus“.

Was ist ein „richtiger Umgang“ mit Geschichte?
Zu Beginn war uns Teamer_innen mulmig zumute, vor ­allem bei der Frage, wie wir dieser Gruppe von Menschen mit und ohne Behinderung die Geschichte dieses Ortes auf die „richtige Weise“ nahe bringen könnten. Sich zusammen auf die Spuren zu begeben, machte die thematische Aufarbeitung der Euthanasieverbrechen, die an diesem Ort begangen wurden, umso unfassbarer und bedrückender.Am ersten Tag machten wir eine Führung durch die Gedenkstätte. Eine Teilnehmerin wurde während des Rundgangs immer unruhiger. Auf unsere Fragen reagierte sie nicht. Wir konnten deutlich erkennen, dass sie sich nicht wohl fühlte. Schlussendlich brach sie die Führung ab. Was in ihr vorging, werden wir nie herausfinden. Einem anderen Teilnehmer hingegen genügte es nicht, nur die Gedenkstätte anzusehen und der Führung zuzuhören. Er wollte alles anfassen und ausprobieren. Als er dann aber bat, sich auf den Seziertisch legen zu dürfen, wo einst die Leichen der ermordeten Menschen medizinisch untersucht wurden, stockte mir kurz der Atem. Es waren Momente wie dieser, die bezeichnend für unsere Sommerlagerwochen sind.

„Und was ist normal?“
In unserer gemischten Gruppe entstand eine besondere Dynamik. Die Hemmschwelle, Emotionen zu teilen, sank. Wir konnten ehrliche und sehr persönliche Gedanken leichter aussprechen. So fühlten wir uns oft losgelöst von so­zialen Normen. Überhaupt kamen innerhalb unserer Gruppe oft Diskussionen auf, in denen wir uns fragten, was „normal“ bedeutet, ob „normal sein“ eigentlich immer so erstrebenswert ist oder ob die Normalität uns nicht oft viel zu sehr einschränkt.

Wir haben geklebt und gestrichen, dabei gesungen und gequatscht. Allerdings erhielten nicht nur die Wände einen neuen Farbton. Nach einer Pinselfarbschlacht waren einige so bunt, dass sie sich mit selbstgemachten „Mülltüten-­Kitteln“ bekleideten, um die Stühle beim Mittagessen nicht auch noch einzufärben. Wider Erwarten war dann das Ergebnis der Streichereien am Ende sogar sehr schön und alle waren stolz, dass sie etwas dazu beigetragen hatten.

Herzen geöffnet
Durch die Arbeit, die gemeinsame Zeit und Erfahrungen wuchs die Gruppe dieser so unterschiedlichen Teilnehmenden des Sommerlagers fest zusammen. Wie selbstverständlich unterstützte jede_r den oder die andere im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Sei es, dass dem Nachbarn die Butter aufs Frühstücksbrötchen geschmiert wurde, wenn dieser das alleine nicht gut konnte. Oder wenn unsere kleinste Teilnehmerin Hucke-Pack genommen wurde, wenn sie zu müde war, um noch allein zu laufen. Es wurde auf­einander Acht gegeben, Eigenarten wurden respektiert, toleriert und lieb gewonnen. Das Sommerlager hat nicht nur Augen und Ohren, sondern auch Herzen geöffnet und in der Gedenkstätte sowie als „Wilde 13″ in den Straßen von Bernburg Spuren hinterlassen. Ein Sommerlager im Sinne von ASF: ein Zeichen des Friedens und der Lebensfreude.


aus:
zeichen Nr. 1
Frühjahr 2012
hg. von
Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.

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