Alle Ausgaben / 2015 Artikel von Cornelia Coenen-Marx

Frauenbewegung im Liegestuhl?

Ein Generationengespräch

Von Cornelia Coenen-Marx

„Was hast Du denn am Wochenende vor?“ Die erste, von der ich das neue Wort auf diese alte Frage hörte, war, glaube ich, die Tochter einer Freundin, Ende zwanzig. Dann sah ich es öfter geschrieben, bin mir jetzt also über Klang und Schriftbild sicher und weiß, dass es sich um ein Verb handelt: chillen.

Inzwischen scheint es sich um eine ziemlich verbreitete Tätigkeit zu handeln, denn ich höre das Wort sehr häufig. Vor allem Teenager und jüngere Leute bis Anfang Dreißig benutzen es, wenn sie vom Entspannen reden. Dabei muss es entgegen meinen anfänglichen Vorstellungen – das englische to chill heißt ja eigentlich kühlen oder abkühlen – nicht besonders kalt sein. Vielmehr geht es wohl darum, auszusteigen aus dem Hamsterrad, runterzukommen im Lebenstempo, die Dauerberieselung und Dauerverfügbarkeit hinter sich zu lassen und endlich down zu shiften oder „abzuschalten“, wie wir früher gesagt hätten. Dass junge Leute sich zum Chillen treffen, kam mir am Anfang merkwürdig vor. Der Gedanke, das Abschalten als eigene Tätigkeit zu behaupten und es gemeinsam und in der Öffentlichkeit zu betreiben, hat mich irritiert. Habt ihr denn nichts Sinnvolles zu tun?, schoss es mir durch den Kopf.

Aber das Interesse hatte mich gepackt. Ich dachte an den Stress, den sich die Generation vorher auch in der Freizeit gemacht hat: Sport und Reisen als eine Art Fortsetzung der Arbeit mit anderen Mitteln – Arbeit eben an sich selber, am eigenen Körper. Das Leben als ununterbrochene Abfolge von Events, privaten wie beruflichen Erfolgen und Höhepunkten. So betrachtet, haben wir es mit einem radikalen Kulturwandel zu tun. Beim Herumstöbern im Internet stieß ich auf ein Foto, das eine Reihe schöner junger Frauen zeigt, die im Bikini auf Liegestühlen liegen. Das Bild symbolisiert für mich, was Chillen bedeutet: Nichtstun. Die Öffentlichkeit dieses Nichtstuns. Das Zusammensein bei diesem öffentlichen Nichtstun. Dass es auch Frauen sind, die hier so öffentlich nichts tun. Und dann noch dieses: dass diese Frauen sich so stark über ihre schönen Körper präsentieren.

Beim Nachdenken wird mir aber auch deutlich, mit welchen Bildern, Vorurteilen und auch Selbstbildern ich auf das Chillen reagiere. Hier geht es nicht nur um die lange Zeit gepriesene Work-Life-Balance, also die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, oder die Frage, ob genügend Zeit im Job bleibt, um für seine Gesundheit zu sorgen, Sport zu treiben, zu kochen und zusammen zu essen oder ins Kino zu gehen. Eben: ein gutes Leben zu haben.

Engagement und Nichtstun

Beim Chillen geht es nicht um diese oder jene sinnvolle Tätigkeit, es geht ums Nichtstun. Nach meinem Eindruck bin ich selbst, sind die Frauen meiner Generation eher durch das Gegenteil geprägt. Für mich kommt Leben im Engagement zur Erfüllung. Schon als Schülerin und später als Studentin fühlte ich mich als Teil einer größeren Bewegung. Uns ging es um Freiheit, um ein selbstgestaltetes Leben, um eine andere Welt. Von Betty Friedan über Cecile Saunders bis zu Klaus Dörner haben mich Menschen inspiriert, die für soziale Bewegungen stehen oder sie initiiert haben. Die Frauenbewegung, die Sozialpsychiatrie, die Hospizbewegung gehörten dazu; und heute ist es der Einsatz für sorgende Gemeinschaften in den Quartieren. Meine Arbeit in Kirche und Diakonie und deren „Verknüpfung“ in Gemeindediakonie und Gemeinwesenarbeit verstehe ich auf diesem Hintergrund genauso wie meinen Einsatz für das freiwillige Engagement vom Kirchentag bis zur Mitarbeit bei „Geben gibt“. Die Fragen, die damit verbunden sind, bestimmen meinen Alltag bis heute – nach Jahren in Organisationen nun in der Freiberuflichkeit.

Ich erinnere mich, dass Konfirmandinnen und Konfirmanden mich regelmäßig nach meinen Hobbies fragten, wenn sie mich kennenlernen wollten. Ja, ich ging und gehe gerne ins Kino oder ins Theater, ich lese, schreibe, reise – aber ich habe das alles nie als „Freizeit“ verstanden. Schließlich signalisiert das Wort, wie übrigens auch die Idee, von der Work-Life-Balance eine Abgrenzung von der „Arbeitszeit“ als einen wenig selbstbestimmten Umgang mit der Zeit. Ich war mit meiner Arbeit immer so identifiziert, dass ich es ganz ­natürlich fand, wenn auch die Impulse aus Filmen, Gesprächen, Reisen und ­Begegnungen in mein Engagement einflossen. Beides war ja verflochten in ­einer größeren Bewegung – und ist es immer noch.

Work and life – ein ganzes Leben

Interessanterweise gibt es inzwischen wieder eine große Sehnsucht danach, ganzheitlich zu arbeiten und zu leben. „Work is the transfer of energy“, schreibt Catharina Bruns, eine Gestalterin und leidenschaftliche Unternehmerin in ihrem Buch „Work is not a job“. „Work is not a place we go to“, sagt sie, „it's what we do“. Ihrer Meinung nach geht es gerade nicht darum, acht Stunden effizient zu gestalten oder möglichst schnell Karriere zu machen. Es geht darum, die eigene Berufung zu finden, die eigenen Gaben einzubringen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und auch Arianna Huffington, die Gründerin der Huffington-Post, setzt sich dafür ein, Arbeit neu zu definieren und zu gestalten. Die Chefin des rasant gewachsenen Medienunternehmens – für „Time“ eine der 100 wichtigsten Persönlichkeiten – schrieb ihren Bestseller „Die Neuerfindung des Erfolgs“1 nach einem Zusammenbruch wegen Erschöpfung. Sie zeigt an Studien aus dem Spitzensport, wie entscheidend Meditation und Achtsamkeit sind, um selbstgesteckte Ziele zu erreichen. Im „Mindfullness“-Training der Bank of England hat sie gelernt: Es geht darum, sein „Ego“ loszulassen und die Freude an der Sache in den Mittelpunkt zu stellen – sei es das Glück an der Bewegung, das Engagement für eine gesellschaftliche Veränderung oder die Gestaltung eines Kunstwerks. „Je stärker wir eine Violinsaite drücken, desto weniger spüren wir sie. Je lauter wir spielen, desto weniger hören wir … Wenn ich zu spielen ‚versuche', schlägt das fehl … Der einzige Weg zur Stärke ist die Ver­wundbarkeit.“2

Mir fällt dabei das Motto von Roger Schutz ein: „Kampf und Kontempla­tion“. Auch dem Gründer der Bruderschaft von Taizé ging es um etwas anderes als um Work-Life-Balance. In der Gemeinschaft von Taizé dienen Gottesdienste, Gebete und Gespräche dazu, das Tun und den Alltag zu unterbrechen, die Anspannung loslassen und sich auf Empfang einzustellen. Die Lebensrhythmen der Klöster erinnern an die Spannung, die unser Leben trägt: Nur wer loslässt und leer wird, wer zuhört und schweigt, kann auch wieder Fülle erfahren und das Leben sinnvoll gestalten. Solche Überlegungen lagen auch dem antiken Gedanken der Muße zugrunde – das lateinische negotium ist, im Gegensatz zu otium, alles Tun, das gerade nicht durch Pflicht gekennzeichnet ist, wie die Arbeit, die zum Lebensunterhalt dient.

Wider die Selbstoptimierung

Erfahren die jungen Frauen beim Chillen solche Muße? Sind sie näher dran an einer ausgeglichenen Energiebilanz als meine Generation? Tatsächlich hat die Generation, die heute zwischen 20 und Mitte 30 ist, schon früh gelernt, dass harte Arbeit nicht unbedingt zum Erfolg führt. Ein erfolgreicher Studienabschluss mit einer Reihe von Auslandssemestern garantiert noch keine gute Stelle; viele schlagen sich von Praktikum zu befristeten Stellen durch und finden erst spät die Sicherheit, die man braucht, um eine Familie zu gründen. Und wer Kinder zur Welt bringt, erlebt dann, dass selbst das beste Zeitmanagement nicht ausreicht, um Beruf und Karriere zu vereinbaren. Im ­Si­licon-Valley geben Firmen inzwischen dem Drängen ihrer Mitarbeiterinnen auf social freezing nach – dem Wunsch, ihre Eizellen einfrieren zu lassen und die Familiengründung auf den beruflich besten Zeitpunkt zu verschieben. Merk­würdig, wieder so ein Wort, das mit Kälte zu tun hat – es geht um das Einfrieren des Lebendigen.

Die Unberechenbarkeit des Lebens lässt sich offenbar nur schwer vereinbaren mit einer Wirtschafts- und Arbeitswelt, die pausenlos Flexibilität und ein hohes Maß von Effektivität verlangt. Ein nachhaltiges Wachstum dagegen braucht Brachen, und das gilt nicht nur für die Felder. Ist es vielleicht so, dass die globalisierte Wirtschaft mit ihrer Fixierung auf stetiges Wachstum, dem mikrosekundenschnellen Tempo an den Finanzmärkten, der pausenlosen Kommuni­kation im Internet überhitzt ist? Nicht nur das Klima erwärmt sich angesichts unserer Wirtschaftsweise, auch unser Alltag wird in der Beschleunigung ständig angeheizt und überheizt. Nichtstun, die Dinge einmal liegen lassen, die Wüsten und die Brachen bewusst erleben und die Muße pflegen sind da wichtige Überlebens-Strategien.

Du sollst nicht funktionieren

Es sind Intuitionen und Beobachtungen zum gesellschaftlichen Wandel, die das Wort Chillen bei mir auslöst. Sie führen mich zu Fragen – an mich selbst und an meine Generation und auch an die jungen Frauen „im Liegestuhl“. Fragen, die sich um Engagement und Nichtstun, um Arbeit und Leben und um unseren Umgang mit Energie drehen. Und die mit unserem Selbstverständnis als Frauen zu tun haben. So frage ich mich, ob meine Generation eigentlich wirklich so beschäftigt war – immerhin faszinierten mich als Schülerin und Studentin nicht nur die neuen sozialen Bewegungen, sondern auch flower power, Woodstock und Yoga. Und natürlich würde ich auch gern wissen, ob die jungen Frauen im Liegestuhl wirklich entspannen können – oder ob es nicht auch anstrengend ist, immer gut, sexy und auch cool auszusehen? Die Zeit, in der wir uns von den BHs befreiten und uns in Latzhosen wohlfühlten, ist ja längst Geschichte. Was bedeutet es aber, sich ständig und nicht nur im Internet präsentieren und darstellen und immer auf den eigenen Marktwert achten zu müssen? Was bewirkt der Zwang, sich angesichts des dauernden Wechsels von Jobs, Wohnorten und Partnerschaften immer wieder neu zu erfinden? Führt es vielleicht dazu, dass es schwerer wird, sich wirklich emotional einzulassen? Vielleicht haben deshalb Familie und vor allem Freundschaften wieder enorm an Bedeutung gewonnen. Auch so verstehe ich das einfache Zusammensein, das zusammen Sein der jungen Frauen im Liegestuhl. Wer chillt, muss nicht funktionieren.

Was macht unsere Zeit mit dem Ich, fragt Ariadne von Schirach in ihrem lesenswerten Buch „Du sollst nicht funk­tionieren“.3 „Es geht entweder verloren“, schreibt sie, oder „es bläht sich auf und verwandelt sich, analog zum Körper, in etwas, das kontinuierlich erzeugt, kontrolliert und dargestellt wird, ein Ego“. All das sei nicht nur von der Marktwerdung des Menschen beeinflusst, sondern ebenso von der Angst vor dem eigenen Sterben, vor Hilfe- und Pflegebedürftigkeit und Abhängigkeit von anderen Menschen. Vor dem Tod wegzurennen bedeute aber immer auch, vor dem Leben wegzurennen. Und vor sich selbst. Am Ende wisse man weder, was man tut, noch wer man ist noch dass man sterben muss. Genau darum, meint von Schirach, werde das Ich als Ego dauernd neu bestimmt und dargestellt. Nicht zu wissen, wer man ist und was man will, sei aber der beste Verbündete der herrschenden Verhältnisse – selbst dann, wenn Profitsucht und Leistungsdenken genau das zerstören, wofür zu leben sich lohnt.

Wofür zu leben sich lohnt

Mit der Absage der Generation Y an das Leistungsdenken setzt sich auch Ursula Kosser auseinander.4 Sie macht sich Gedanken darüber, wie es dazu kommt, dass immer mehr junge Frauen und Männer Karrieren verweigern. Vor allem Frauen entscheiden sich inzwischen für ein Opting Out, auch und gerade, wenn sie bereits ganz oben auf der Karriereleiter angekommen sind. Sie wählen ein anderes Leben – eines mit ausgeglichener Energiebilanz und stabilen Beziehungen, mit Zeit für Kinder, Fa­milie und Freundschaften. Mein Weg war das nicht, für mich stand der Beruf, meine Berufung, im Zentrum. Aber ich kann diese Entscheidung verstehen. Diese Frauen wollen „leben, nicht kämpfen“, wie es in der Einführung zu Ursula Kossers Buch heißt. Und tatsächlich bedeutet Engagement immer auch Kampf mit politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie mit ­Institutionen. Und auch ein Berufsweg durch die Institution, auch in der Kirche, kann nicht ohne Kämpfe und Verletzungen abgehen, selbst wenn man nicht von einer klassischen Karriere sprechen will. Für mich haben diese Kämpfe sich gelohnt – ich habe darin mehr über mich selbst wie über Kirche und Gesellschaft erfahren und auch einiges bewegen können. Was ich dabei gelernt habe, hat auch meinen Glauben vertieft. Aber ich gehöre auch zu einer Generation, die viele Möglichkeiten und ein stabiles Berufsumfeld hatte und es zu Beginn ihrer Arbeit unter wirtschaftlich guten Verhältnissen mitgestalten konnte. Es wäre töricht zu vergessen, wie sehr wir alle durch unsere Zeit geprägt sind.

Deshalb habe ich mir vorgenommen, beim nächsten Telefongespräch mit der Tochter meiner Freundin zu fragen, ob ich einmal mitgehen darf, wenn sie chillt. Falls ihr das peinlich ist, würde ich sie auch gern in ein Café einladen. Um von ihr zu hören, wie es eigentlich ist mit ihrer Freizeit und ihrer Arbeit und dem Frausein. Und wofür es sich aus ihrer Sicht zu leben lohnt. Vielleicht finden wir ja auch ein Café mit Liegestühlen.

OKR a.D. Cornelia Coenen-Marx ist Pastorin und Autorin. Bevor sie freiberuflich tätig wurde, hat sie über viele Jahre beruflich in Kirche und Diakonie gearbeitet und war u.a. als Geschäftsführerin an der Denkschrift „Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt“ beteiligt
(www.ekd.de/download/2015_solidaritaet_und_selbstbestimmung.pdf) – Mehr unter www.seele-und-sorge.de

Anmerkungen
1) Arianna Huffington: Die Neuerfindung des Erfolgs, München 2014
2) a.a.O., S. 129
3) Ariadne von Schirach: Du sollst nicht funktionieren – Für eine neue Lebenskunst, München 2014
4) Ursula Kosser: Ohne uns, Köln 2014

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