Ausgabe 1 / 2013 Artikel von Verena Grüter

Für 4 Stimmen und Muscheltrompeten

Musik als Medium der Mission

Von Verena Grüter

Manila, Philippinen, August 2008: Die Studierenden des Asian Institute for Liturgy and Music (AILM) feiern Gottesdienst. Sie kommen aus verschiedenen Ländern Asiens und aus unterschiedlichen christlichen Denominationen. Was sie verbindet, ist der Wunsch, neue Kirchenmusik zu schaffen.

Im Musikethnologie-Unterricht lernen sie die verschiedenen Musikstile asiatischer Länder kennen, an diesem Morgen das Musizieren mit Bambusstäben, wie es etwa auf Mindanao heute noch praktiziert wird. Im Hochschulchor singen sie dann den ersten Satz aus Johann Sebastian Bachs Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ – vierstimmig und auf Deutsch – und dann noch einen fünfstimmigen Satz von Palestrina im lateinischem Original. „Die Studierenden sollen sowohl aus der europäischen Tradition als auch aus den unterschiedlichen asiatischen Musiktraditionen jeweils das Beste kennenlernen, um so für ihre eigenen Kompositionen aus unterschiedlichen Quellen schöpfen zu können“, erläutert Darleen Hernandez Yu, die Dozentin für Chorgesang.

Die praktische Umsetzung dieses Konzepts erlebe ich in dem Gottesdienst. Im Eröffnungsteil der Liturgie stimmt Joseph, ein Student aus Mizoram in Nordostindien, ein selbst komponiertes Lied im Stil der indischen Bhajans an, Lieder aus der Frömmigkeitstradition des Bhakti, der liebenden Hingabe an die Gottheit. Er hat einen Psalmtext gewählt und ihn in eine musikalische Form gegossen, die ursprünglich aus einer hinduistischen Reformbewegung stammt, aber früh schon das musikalische Material für christliche Kirchenmusik bereitgestellt hat. „Diese Art
der Musik wird in unseren Kirchen erst allmählich aufgenommen“, erklärt er. „Unsere Gemeinden singen meist die westliche Kirchenmusik, unsere traditionelle Singweise wird völlig verdrängt. Im Grunde erlebt unsere Kirche eine Identitätskrise.“

Was aber ist christliche Identität in einem kulturellen und religiösen Kontext, der ursprünglich nicht vom Christentum geprägt ist? Wie sieht die musikalische und liturgische Gestaltung eines christlichen Gottesdienstes aus in einem gesellschaftlichen Umfeld, dessen musikalische Ausdrucksformen von anderen religiösen und kulturellen Traditionen geprägt sind?

Protestantische Missionen in Afrika und Asien mussten sich diesen Fragen stellen und darauf praktikable Antworten finden, um lebensfähige christliche Gemeinden zu gründen. Der „Vater“ der deutschen Missionstheologie, Gustav Warneck, hatte Musik als wichtiges Medium der Mission geschätzt und daher Musikerziehung in die Ausbildung der Missionare integriert. Damit befand er sich übrigens ganz im Einklang mit Martin Luther, der Musik als Gottes Gabe schätzte und sie sowohl in der Seelsorge als auch in der Verkündigung vielfach nutzte. Mit seinen Chorälen machte er die Gemeinden der Reformation zu selbständigen Trägerinnen ihres Glaubens, den sie nun in ihrer eigenen Sprache ausdrücken konnten. Der protestantische Choral wurde zu einem Ur-Medium der Mission.

Musik ist keine Einbahnstraße
Papua-Neuguinea, 1917: Der lutherische Missionar Heinrich Zahn gibt für die Missionskirche des Volkstammes der -Jabêm ein eigenes Gesangbuch heraus, das 205 Lieder in der Jabêm-Sprache zu Melodien aus der Jabêm-Kultur enthält – ein Novum in der damals jungen Kirchengeschichte Papua-Neuguineas.

1909 hatte Zahn ein erstes Gesangbuch herausgegeben, für das er die deutschen Choräle in die Jabêm-Sprache übersetzt, aber in ihrer ursprünglichen musikalischen Fassung belassen hatte. Im Zuge seiner ethnografischen Arbeit an Sprache und Musik der Jabêm erforscht er die tonalen und rhythmischen Charakteristika der einheimischen Musik und transkribiert viele bis dahin lediglich mündlich überlieferten Volksmelodien mithilfe seiner Blockflöte. Auf diese Weise sichert er einen Schatz einheimischer Volksmusik, den er dann für sein kirchenmusikalisches Schaffen fruchtbar machen kann. In seinem 1920 fertig gestellten Manuskript Mission und Musik stellt er lapidar fest: „Unsere europäischen Melodien sind und bleiben den Einheimischen fremd.“

Um Einheimischen die Lutherischen Choräle nahezubringen, erfindet Zahn das Muscheltrompeten-Orchester. Diese Orchester spielen in der Lutherischen Kirche in Papua-Neuguinea heute noch. Außerdem stellt Zahn fest, dass die Einheimischen sich in ihren Kompositionen eigener neuer Kirchenlieder von den Lutherischen Chorälen durchaus inspirieren ließen.

Musik in der Mission ist also keine Einbahnstraße. Vielmehr stellt sie ein Medium dar, in dem sich fruchtbare Transformationsprozesse vollziehen können, die die Kirchen befähigen, ihre eigene spirituelle und kulturelle Identität zu leben. Die Erfahrung von Heinrich Zahn, dass die Jabêm sich die deutschen Lutherischen Choräle nicht zu Eigen machen konnten, zeigt, dass musikalische Formen zwischen den Kulturen nicht austauschbar sind. Musik ist – allen landläufigen Urteilen entgegen – eben doch keine universale Menschheitssprache. Sie hat vielmehr, wie die Sprache selbst, zahllose kulturelle Gestalten, die sich untereinander keineswegs einfach verstehen.

An den sorgfältigen Bemühungen von Heinrich Zahn ist abzulesen, dass es gründlicher Übersetzung bedarf, um eine (kirchen-) musikalische Sprache in eine andere zu übertragen. Wenn es glückt, steht am Ende eine neue Kirchenmusik, mit der sich die Gemeinde identifizieren kann und die sie in ihren Gottesdienst integriert.

Sutarto aus Indonesien hat es versucht. Für den Gottesdienst im AILM hat er eine neue Komposition mit musikalischem Material aus seiner indonesischen Heimat geschaffen. „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“, intoniert eine kleine Gruppe Studierender Worte aus dem 118. Psalm in englischer Sprache auf eine schlichte Melodie. Die anderen stimmen ein, rezitieren den Psalm auf einem Ton im Wechsel mit den Vorsängerinnen.

Sutarto erzählt die erstaunliche Entstehungsgeschichte: „Ich komme aus Java und war Muslim, wie die meisten Menschen dort. Seit meiner Konversion zum Christentum suche ich nach Wegen, die christliche Kultur stärker in unserer Kultur zu beheimaten. Zu diesem Psalmgesang habe ich mich durch die muslimische Koranrezitation anregen lassen: Der Vorbeter rezitiert den Korantext, die Gemeinde antwortet ebenfalls mit Rezitation.“ Ob die Gemeinden in Sutartos Heimatkirche auf Java sich diese neue Kirchenmusik zu Eigen machen werden? Ob sie den mutigen Schritt tun möchten, sich musikalisch über die kirchenmusikalische Kultur der europäischen christlichen Missionen hinaus und in den kulturellen Raum der sie umgebenden muslimischen Mehrheitsgesellschaft hinein zu begeben?

Musik ist nicht politisch unschuldig
Religiöse Identität ist sehr stark mit kulturellen Formen verbunden, und für
die christlichen, insbesondere die protestantischen Kirchen ist Musik eines der wichtigsten Medien der Spiritualität. Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach die Länder Asiens und Afrikas gegen ihre europäischen Kolonialherren erheben, müssen auch die damals so genannten „jungen“ Kirchen von ihren europäischen Missions-Mutterkirchen unabhängig werden. Sie sind vor die Herausforderung gestellt, sich theologisch mit ihrem kulturellen, religiösen und sozialen Kontext auseinander zu setzen.

Auf der Ebene der Weltmissions-Konferenzen nehmen die Diskussionen zwischen den europäischen Missionsgesellschaften und den VertreterInnen der unabhängig gewordenen Kirchen Asiens und Afrikas über die aufkommenden kontextuellen Theologien zu.

Unter dem Einfluss der Befreiungstheologien diskutiert die Weltmissionskonferenz in Bangkok 1973 die Frage nach dem „Heil der Welt heute“ und verbindet sie mit einer kritischen Analyse der Machtstrukturen: „Nur allzu oft ist in der Geschichte der westlichen Mission die Kultur derer, die das Evangelium empfingen, entweder übersehen oder verurteilt worden. Bestenfalls wurde sie als Gegenstand der Missionskunde studiert. Das Problem aber lautet: Wie können wir selbst voll verantwortlich sein, wenn wir das Heil von Christus empfangen? Wie können wir in eigener Verantwortung der Stimme Christi antworten, anstatt fremde Bekehrungsmuster nachzuahmen, die uns auferlegt wurden, die wir aber nicht wirklich angenommen haben? Wir lehnen es ab, bloßer Rohstoff zu sein, den andere brauchen, um ihr eigenes Heil zu erwirken.“

Die Antwort, auf die sich die Delegierten einigen, lautet: „Die Kultur formt die menschliche Stimme, die der Stimme Christi antwortet.“ Die Behauptung der eigenen kulturellen Identität der durch die Missionen gegründeten, so genannten „jungen“ Kirchen wird zum Machtkampf um ihre theologische Eigenständigkeit. Mit ihren kontextuellen Theologien, die dann auch bildende Künste und Musik prägen, fordern sie in den kommenden Jahren die Kirchen der nördlichen Halbkugel dazu heraus, über Unrecht und Ausbeutung und ihre eigene Verstrickung darin nachzudenken.

Kontextuelle Theologie braucht kontextuelle Musik …
Ostafrika, 1960: Im britischen Protektorat Tanganjika, genauer in Ruhija im heutigen Tansania, wird mit deutscher Unterstützung 1960/61 die erste afrikanische Kirchenmusikschule gegründet. Leiter ist der von der Betheler Mission ausgesandte Diakon Werner Both, der zunächst mit klassischer Posaunenarbeit beginnt, aber bereits 1962 einen Workshop zur Komposition einheimischer Kirchenmusik durchführt.

Im selben Jahr werden einheimische Instrumente im Gottesdienst eingeführt. Allerdings stoßen diese Versuche auf Widerstände innerhalb der Kirche: Ältere Kirchenmitglieder stehen der neuen Musik kritisch gegenüber, ist doch für sie das Evangelium identisch mit der westlichen kulturellen Prägung, in der sie es kennen gelernt haben. In der Hinwendung zu traditioneller afrikanischer Musik sehen sie eine Rückwendung zur alten Religion.

Mit der ersten lutherischen Rundfunkstation in Addis Abbeba und ihrem Studio für das Kiswahili-sprechende Ostafrika in Moshi entsteht 1963 ein wichtiger Multiplikator, der die neue afrikanische Musik in alle Häuser bringt. 1968 kommt mit Tumshangilie Mungu das erste christliche Liederbuch in Kiswahili mit ausschließlich einheimischer Musik heraus. Seine ursprünglich 81 Lieder sind in der sechsten Auflage 1987 auf 152 angewachsen, die 40 verschiedene Ethnien repräsentieren.

In die offiziellen kirchlichen Gesangbücher schaffen es die neuen Lieder jedoch nur sehr langsam. Bis Ende der 80er Jahre entstehen kaum neue Gesangbücher mit einheimischer Musik. Erst 1988 zeichnet sich in Tansania mit der Einführung neuer Gesangbücher in der Moravian Church und der Evangelical Lutheran Church of Tanzania eine Veränderung ab. Die zögerliche Übernahme neuer einheimischer Musik in den gottesdienstlichen Gebrauch der Gemeinden weist auf den Widerstand hin, der innerhalb der Kirchen gegenüber der eigenen Herkunftskultur bestand.

Manila 1980: Der katholische Kirchenmusiker Francisco Feliciano, der außer auf den Philippinen auch in Deutschland und den USA Kirchenmusik studiert hat, gründet in Manila das Asian Institute for Liturgy and Music. Ihn treibt die Einsicht, dass eine kontextuelle Theologie auch eine kontextuelle Musik braucht, um die Herzen der Christinnen und Christen zu erreichen und ihre Spiritualität zu prägen. Seitdem kommen Studierende aus ganz Asien nach Manila, wo sie in internationaler und ökumenischer Umgebung lernen, kreativ neue Kirchenmusik zu schaffen.

… und kann doch Kulturgrenzen überschreitend wirken
Deutschland 1958: Im Rahmen des Katholikentages in Berlin erklingen zum ersten Mal Negro Spirituals. In den sechziger Jahren kommen dann die ersten Schallplattenaufnahmen von Chören aus Tansania nach Deutschland, die die neue tansanische Kirchenmusik dokumentieren. Der Weg des Kulturtransfers zurück aus den ehemaligen Missionsgebieten hat begonnen.

Gleichzeitig setzt mit dem sogenannten „Neuen geistlichen Lied“ auch in der deutschen Kirchenmusik eine Erneuerungsbewegung ein: 1961 gewinnt Gotthart Schneiders Lied „Danke für diesen guten Morgen“ den ersten Preis des Wettbewerbs für neue geistliche Lieder, den die Evangelische Akademie Tutzing ausgeschrieben hatte.

Seit den 1990er Jahren geht auch der Chor des AILM auf internationale Tourneen: Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 1993 gestaltet er den Abschlussgottesdienst im Münchener Olympiastadion; 2006 gastiert er beim Festival Musica Sacra International in Marktoberdorf.

Deutschland 2012: Musik und Mission – das bleibt ein Thema auch bei uns. Lieder aus der Afrika, Asien und Lateinamerika werden zwar in gesonderten Liederbüchern gesammelt, ins Evangelische Gesangbuch haben es jedoch nur wenige geschafft. Internationale christliche Ensembles gastieren in besonderen Konzerten und auf Kirchentagen. Internationale Chorbegegnungen ermöglichen interkulturelles kirchenmusikalisches Lernen.

Zugleich bleiben die Erfahrungen von Fremdheit nicht aus: Die ausgelassene Sambamusik, die ein niedersächsischer Chor in Brasilien begeistert mitsingt, lässt sich in Deutschland nicht ohne Weiteres übertragen. Und auch die überzeugende, fröhliche Spiritualität der tansanischen Chöre kann nicht einfach nach Deutschland importiert werden. Die Aufgabe, unsere eigene Kirchenmusik mitten im Wandel unserer eigenen Kultur angemessen und einladend zu gestalten, müssen wir selbst lösen. Dabei können wir vielleicht von den Partnerkirchen des „Südens“ lernen. Doch dieser Prozess braucht Kreativität, Mut und Geduld: Eine neue musikalische Sprache zu finden, die ZeitgenossInnen der world music Ära sich zu eigen machen und darin singend ihren Glauben ausdrücken, so wie unsere Elterngeneration am Sterbebett sang Befiehl du deine Wege – das erfordert auch ein konzentrierendes Handeln der Verantwortlichen der Kirchenmusik.

Die Methodistische Kirche hat es vorgemacht. Die MethodistInnen sind bekannt dafür, dass sie „ihre Theologie singen“. Ihre Global Praise Working Group sammelt und sichtet seit 1993 christliches Liedgut aus der ganzen Welt. Das Gesangbuch der Evangelisch-Methodistischen Kirche von 2002 enthält einen großen Teil von Liedern aus der Weltökumene. So machen sie Ernst mit der Einsicht, dass das Gesicht der Weltkirche nicht mehr weiß, sondern vielfarbig ist und wir unsere Zusammengehörigkeit mit ChristInnen aus anderen Kulturen auch in unseren Gottesdiensten leben. Ökumenische Verbundenheit mit den ChristInnen unserer Partnerkirchen weltweit, mit ihrem Leben und ihrem Leiden, will auch in den Liedern Gestalt gewinnen, die wir singen.

Für die Arbeit in der Gruppe:

– Evangelisches Gesangbuch
– ökumenische Liederbücher, z.B. Thuma Mina
– DVD zum Buch Klangwandel (siehe Literaturangaben unten)

Impuls
Welche Lieder aus der Weltökumene kennen und singen wir? Welche sprechen uns unmittelbar an, sind vielleicht sogar Lieblingslieder? – zusammenstellen und eine Auswahl davon singen

Gruppenarbeit
Je ein ausgewähltes Lied untersuchen: Was sagt der Text über den Kontext? Was spricht an/befremdet? Was fällt auf an der musikalischen Gestaltung? Was wissen wir über die Kirchen in dem jeweiligen Land? – anschließend im Plenum zusammentragen und Lieder singen

Weiterarbeit
Partnerschaftsbeauftragte des Kirchenkreises oder Ökumenische Mitarbeitende einladen und über die Partnerkirchen informieren lassen, mit dem Kantor/der Kantorin Lieder der Partnerkirchen einüben, den nächsten Partnerschaftssonntag damit aktiv gestalten

Dr. Verena Grüter hat Musik und Theologie studiert. Die Pfarrerin der Bayrischen Landeskirche lehrt derzeit in der Augustana-Hochschule Neuendettelsau im Fachbereich Interkulturelle Theologie, Missions- und Religionswissenschaft und schreibt an einer Forschungsarbeit zum Thema „Musik als Medium von Transkulturationsprozessen im Religionskontakt“.

Literatur
Verena Grüter. Benedict Schubert (Hgg.): Klangwandel. Über Musik in der Mission, Verlag Otto Lembeck 2010 (mit DVD, einschließlich eines Dokumentarfilms über das AILM, zu beziehen über die Evangelische Verlagsanstalt Leipzig)

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