Ausgabe 2 / 2016 Material von Julia Engelmann

Für meine Eltern

Von Julia Engelmann

Ich will euch zwei Sachen sagen.

Erstens:
Ich als vollmündiger,
 volljähriger Bürger dieses Landes
 und freier Mensch
 räume mein Zimmer erst
 genau dann auf, wenn mir
 bock- und impulsmäßig danach ist.

Zweitens:
Ihr seid mein Ursprung, mein Vertrauen,
meine Insel und mein Schatz,
mein Mund formt euer Lachen,
mein Herz schlägt euren Takt.

Ich bin 9 Jahre alt,
 für mich ist selbstverständlich:
 Ihr seid immer da,
 und Zeit ist unendlich.
Ihr seid da, wenn ich aufstehe,
 seid da, wenn ich schlafen gehe.

Ihr baut mir ein Bett, ihr deckt mich zu,
und dann stellt ihr euch an die Tür,
und dann schlaf ich, weil ich weiß:
 Ihr beschützt mich, ihr seid hier …

Und dann irgendwann geh ich raus,
aber hier draußen ist es still
 so ohne euch.

Ihr seid nicht da, wenn ich aufstehe, und nicht da, wenn ich schlafen gehe.
Also schon, aber woanders; das ist nicht leicht, aber ich kann das.
Und trotzdem fehlt ihr, und auch wenn ihr mich nicht gefragt habt,
sag ich euch jetzt, was ich euch noch nicht gesagt hab.

Ihr seid mein Beweis, dass Liebe mehr als Geld zählt,
seid der Rahmen für mein Weltbild, alles, was für mich als Held gilt.

Ihr gebt mir Halt, ohne mich festzuhalten,
 schafft es, wenn ich's nicht kann, mich auszuhalten,
würdet nichts tun, mich je aufzuhalten
eher bringt ihr mich dorthin.
Ich brauch nichts zeigen, und ihr seht mich,
ich brauch nichts sagen, ihr versteht mich,
ich brauch nichts haben, und ihr nehmt mich,
nehmt mich einfach, wie ich bin.

Wenn ich Angst hab, sagt ihr, „Trau dich!“
Wenn ich weine, weint ihr auch,
dann sagt ihr mir, „Sei nicht traurich“
 und dass ihr immer an mich glaubt.

Und mir kann nichts passieren, weil ich weiß, ihr seid doch hier,
ich gehör zu euch, und ihr gehört zu mir.
Ich bin jetzt 19 und fühl mich vergänglich,
weil nichts ist für immer – und was ist schon unendlich?

Aber ich hab für uns einen Plan gemacht:
Ich werde alles, was ich vorwärts laufe, auch rückwärtsgehen,
ich werde Laub an Bäume kleben und Uhrzeiger drehen.
Ich werde Sterne an der Erde festbinden, damit sie irgendwann steht,
ich werde Gegenwind gegen Wind pusten, bis er nicht mehr weht.
Ich werde tun, was ich kann, dass die Zeit nicht vergeht …

aus:
Eines Tages, Baby
© 2014 München Wilhelm Goldmann Verlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

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