Alle Ausgaben / 2001

Globalisierung

aushalten oder gestalten

Ob wir es wollen oder nicht: wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Unser alltägliches Leben ist davon ebenso berührt wie die große Politik. Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass unsere Kleider von Frauen in Honduras oder Taiwan genäht wurden, dass unsere Kinder und Enkelkinder mit Spielzeug „made in China“ spielen, dass wir der Familie zum Nachtisch frische Kiwis aus Neuseeland servieren. Wie im Kleinen so im Großen: die weltweit produzierenden und verkaufenden Konzerne scheinen inzwischen oft mehr Einfluss auf die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu haben als die nationale Politik. „Außenpolitik“ wird mehr und mehr zur „Welt-Innenpolitik“ – dies allerdings längst noch nicht genug – und schon gar nicht machen etwa die Umwelt zerstörenden Folgen unseres Lebens und Wirtschaftens an nationalen Grenzen halt.

„So ist es eben!“ sagen die Einen – und meinen damit, dass da doch nichts zu machen sei. Eine Alternative wäre es zu sagen: „So ist es. Und deshalb müssen wir sehen, wie wir die Sache in den Griff bekommen!“
Global denken – lokal handeln. Dieses richtungweisende Schlagwort aus den Diskussionen der letzten Jahre haben einige inzwischen verändert. Etwas „zu machen“ ist letztlich nur, wenn wir lernen, global und lokal zu denken und zu handeln. Eine Frau, die dies in vorbildlicher Weise tut, stellt Anja Vollendorf vor: Aruna Gnanadason, die aus Indien stammende Koordinatorin des Frauenprogramms des Ökumenischen Rates der Kirchen.

Als Christinnen und Christen glauben wir, dass wir nicht nur das Recht, sondern den Auftrag Gottes haben, diese Welt zu gestalten. In ihrer Bibelarbeit zu den beiden unterschiedlichen Schöpfungsaufträgen des Buches Genesis gehen Astrid Utpatel-Hartwig und Christiane Weber der Frage nach, was dieser uralte Auftrag unter den Bedingungen der Globalisierung bedeuten könnte. Die Verantwortung, diese Welt heute so zu gestalten, dass die ganze Schöpfung – und in ihr die Menschen – zum Ziel kommt, wäre zu groß, gäbe es nicht auch „am anderen Ende“ der Schrift die Zusage Gottes, sein Werk selbst zu vollenden. Wie diese Zusage Gottes zum eigenen Handeln befreien kann, darüber denkt Petra-Edith Pietz in ihrer Bibelarbeit zum Buch der Offenbarung nach.

Moralische Überzeugung und Glaube können Denken, Verstehen und Meinungsbildung nicht ersetzen. Die Einführung in die Grundlagen und Bedingungen dessen, was wir Globalisierung nennen, hat Michaela Bank übernommen. Frauen sind vom Globalisierungsprozess anders betroffen als Männer. Cornelia Füllkrug-Weitzel und Ingrid Müller beschreiben die Folgen der Globalisierung für Frauen und führen an eindrucksvollen Beispielen vor, wie sie weltweit darauf reagieren – und wie sie dabei von uns unterstützt werden können.

Globalisierung hat – auch – positive Auswirkungen, etwa für die weltweite Anerkennung von Menschenrechten. Heftig umstritten ist aber nach wie vor die Frage, ob dazu auch die Frauenrechte gehören. Über den derzeitigen Diskussionsstand informiert Claudia Lücking-Michel. Mindestens so umstritten ist es, ob die „Globalisierung vor der eigenen Haustür“, das Zusammenleben von Menschen verschiedener Hautfarben, Kulturen und Religionen in unserer Gesellschaft nun wünschenswert sei oder nicht. Rabeya Müller wirbt dafür, die in unserem Grundgesetz vorgegebene Richtung als Chance und Herausforderung, unter Umständen auch zum Umdenken, zu begreifen.

Eine der wichtigsten Bedingungen der Globalisierung war die explosionsartige Entwicklung der modernen Kommunikationsmittel, die zunehmend auch und gerade von Frauen genutzt werden. Birgit Dittrich-Kostädt hat in ihren Internetkursen erfahren, dass viele sich überhaupt nicht für „zu alt“ halten, um sich auf die Daten-Autobahnen des weltweiten elektronischen Netzes zu begeben. Allzu viel muss man/frau dafür gar nicht wissen! Verbindungen zwischen Frauen weltweit lassen sich aber nicht nur durch Technik herstellen oder gar halten. Dazu braucht es tiefere, innere Beziehungen. Anja Ruf und Tippawan Duscha haben – aus Sicht einer Christin und einer Buddhistin – darüber nachgedacht, welche Bedeutung Religionen für eine alle Grenzen überwindende Schwesterlichkeit haben (könnten). Einen ähnlichen Gedanken verfolgt Christine Busch in ihrer Andacht. Sie weist darauf hin, wie viel gestaltende Kraft uns durch die Ökumene geschenkt wird und wie viel wir bewegen können, wenn wie wir diese Welt „ins Gebet nehmen“.

Ein Thema wie die Globalisierung löst bei vielen Menschen eine Fülle von Gedanken und Gefühlen aus, macht sie oft aber zugleich „sprachlos“. Wirbelnde Gedankenfetzen und widersprüchliche Gefühle lassen sich manchmal leichter schreibend als redend zum Ausdruck bringen. Waltraud Liekefett führt vor, mit wie einfachen Mitteln Frauen dies in einer Schreibwerkstatt lernen können.

Dass auch und gerade Frauen Globalisierung gestalten, das Schicksal der Welt in die Hand nehmen und im Kleinen wie im Großen ihre Sichtweisen, Kenntnisse, Erfahrungen und Ideen einbringen (können), ist nicht nur wünschenswert oder „politisch korrekt“. Ohne den Beitrag der Frauen – das haben die Weltkonferenzen der Vereinten Nationen im ausgehenden Jahrtausend immer wieder bestätigt – hat diese Welt keine Zukunft. Daher finde ich es eigentlich nicht vermessen, wenn ich mir wünsche, dass diese Arbeitshilfe Sie dazu anregt und ermutigt, in diesem „Spiel“ ohne Grenzen mitzumachen.

Ausgabenarchiv
Sie suchen eine Ausgabe?
Hier entlang
Suche
Sie suchen einen Artikel?
hier entlang