Ausgabe 2 / 2006 Andacht von Karin Böhmer

Ich bin alt. Ich bin schön!

Andacht zum Thema Schönheit und Älterwerden

Von Karin Böhmer


Alt und schön, das scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein. Mit Älterwerden verbinden wir, dass unser Körper mehr und mehr seine „ideale“ Form verliert. Falten im Gesicht, schlaffe Haut, schlechte Augen, weniger Beweglichkeit. Dazu kommt die gesellschaftliche Norm, die sagt, dass eine Frau nur dann schön ist, wenn man ihr das Alter nicht ansieht.

Diese Andacht will dazu anregen, das Befreiende in der Aussage „Ich bin alt und schön!“ für sich selbst zu entdecken. Gerade als ältere und alte Frauen sind wir alt genug, den „Mythos Schönheit“(1) hinter uns zu lassen und unser Älterwerden in aller Freiheit zu gestalten. Die Andacht will Raum schaffen für die Lust an unserer ureigenen Schönheit, die sich in jeder Lebensphase neu entfaltet und sich mit unserem Körper im Laufe unseres Lebens verändert. Dabei helfen kann die Sprache des Ersten Testaments. Sie ist nicht zuerst an Formen und Aussehen der Menschen und Dinge interessiert, sondern an deren Wirkung.(2) „Du bist schön, meine Freundin“, hören wir im Hohelied. Schönheit ist hier keine Funktion von richtigen Formen, sondern „Schönheit entsteht im Blick dessen, der liebt. Schönheit zeigt sich einzig und allein in und aus einer Beziehung.“(3) Silvia Schroer und Thomas Staubli beschreiben das so: „Das Schönheitsideal ist kein Körper-, sondern ein Verhältnisideal.“(4) Jede von uns ist von Gott wunderbar gemacht. (Psalm 139) Und das bleibt so – ein Leben lang!


Material: Für eine Mitte: Vier weiße Kerzen auf vier Tüchern (weiß, rot, grün, schwarz), die im Kreis nebeneinander liegen, in der Mitte ein Bild mit einer Spirale; alternativ können auch die verschiedenfarbigen Tücher als Spirale gelegt werden; verschiedene Perlen; für jede Teilnehmerin eine Kopie des Liedes „In deinen Augen“ (siehe S. 47) sowie des Bildes „On the beach“ (S. 27); beide Materialien sind für AbonnentInnen als Kopiervorlage unter www.ahzw.de zum Herunterladen vorbereitet.

Ablauf
Begrüßung
Die Leiterin begrüßt alle Anwesenden.

Votum

In dieser Andacht besinnen wir uns auf Gott und auf uns selbst.
Gott ist das Licht.
Ich entzünde vier Kerzen
– eine für Gott, Schöpfungskraft (weißes Tuch)
– eine für Jesus, Kraft der Liebe (rotes Tuch)
– eine für die heilige Geisteskraft, Kraft der Verwandlung und
   Erneuerung (grünes Tuch)
– eine für den Schoß der Dunkelheit, aus dem alles kommt und in den alles
   zurückkehrt (schwarzes Tuch)
Amen.

Einführung

Das Thema „Alter“ ist in aller Munde. Jede von uns hat sicher schon viel darüber gelesen, sich Gedanken gemacht und ihre Meinung dazu. Aber: denken wir bei alldem auch ab und zu über unser eigenes Älterwerden nach? Wie geht es uns eigentlich ganz persönlich mit dem Wörtchen „alt“? Ist Alter für uns „ganz nah“ oder irgendwann in ferner Zukunft? Ist es eine Herausforderung, eine schöne Aussicht, die uns neugierig macht und ihren Reiz hat? Oder kommen wir ins Grübeln, wenn wir uns die erste Lesebrille kaufen müssen und merken, wie sich unsere Kräfte verändern? Und: finden wir uns eigentlich (noch) schön mit zunehmendem Alter? Oder kämpfen wir gegen das Älterwerden an – getreu der gesellschaftlichen Norm, nur Frauen, denen man ihr Alter nicht ansieht, sind schöne Frauen? Was denken wir über Schönheit und Alter?

Lied
In deinen Augen

Vorstellungsrunde

Älterwerden fängt nicht irgendwann in der Zukunft an, sondern ist ein Prozess, der sich durch unser ganzes Leben zieht. Unsere Mitte ist in vier Farben gestaltet. Jede der Farben steht für eine Lebensphase. Weiß steht für die Zeit des Neubeginns. Für das Mädchen. Rot steht für die Zeit der Fruchtbarkeit. Für die junge Frau. Grün steht für die Zeit der Wandlung. Für die Frau in der Mitte des Lebens. Schwarz steht für die Zeit der Weisheit. Für die alte Frau.
Ich bitte Sie nun, sich nacheinander vorzustellen, zu benennen, in welcher Lebensphase Sie sich befinden, vielleicht mit einer kurzen Begründung, und eine Perle an den entsprechenden Platz in der Mitte zu legen.

Lied
In deinen Augen

Gebet

Wir sind hier und feiern diese Andacht
mit all unseren Bildern
im Kopf und im Herzen,
die wir vom Alter haben,
und mit all unseren Erfahrungen,
die wir schon gemacht haben,
mit unseren Ängsten und Vorurteilen,
Verlusten und Einschränkungen.
Wir sind hier,
mit unseren eigenen Idealen von körperlicher Schönheit,
mit unseren Vorstellungen von einem schönen Leben,
mit unseren Hoffnungen
und unseren Träumen.
Berühre uns, Gott,
öffne vor uns unser Leben
mit all seinen Lebensphasen
wie eine Landschaft,
die es zu entdecken gilt,
ein Leben lang.
Lass uns miteinander
Wege finden und gehen,
Spuren von Freiheit,
Sehnsucht und Lebendigkeit.
Sei Du, Gott, dabei mit uns
und unter uns.
Amen.

Gesprächsrunde

Marie Luise Kaschnitz sagt: „Das Alter ist für mich kein Kerker, sondern ein Balkon, von dem ich zugleich weiter und genauer sehe.“ Was sehen wir, was sehen Sie, wenn Sie an Schönheit und Alter denken? Gibt es für Sie so etwas wie die Schönheit des Alters? Kann in Ihren Augen eine alte Frau schön sein? Können Sie sich vorstellen, den Satz „Ich bin alt und schön“ jetzt oder in Zukunft einmal über sich selbst zu sagen? Was denken Sie über Alter und Schönheit?

Lied
In deinen Augen

Meditation zum Bild

„On the beach“
Eine Frau.
Vielleicht älter, vielleicht jünger,
es ist nicht genau zu sehen.
Sie geht am Strand entlang.
Am Ufer des Meeres,
dessen Wellen kommen und gehen.
Sie geht schwungvoll,
die Hände zum Himmel ausgestreckt.
Ihr langes, dunkles Haar weht im Wind.
An ihrem Hals
und ihrem linken Handgelenk
glitzert silberner Schmuck.
Das einzige,
was sie auf ihrer Haut trägt.
Wir sehen sie nur von hinten.
Sie ist nackt.
Sie geht am Strand entlang
und genießt offensichtlich
die salzige Luft des Meeres
um sich herum,
auf ihrer Haut,
in ihrer Nase.
Ihre Augen
auf den Weg vor sich gerichtet.
Gelassen
und voller Erwartung,
sehnsüchtig
und in sich ruhend.
Verletzlich
und selbstbewusst.
Offen für das, was auf sie zukommt.
Sie kostet den Augenblick aus,
erfüllt,
in Übereinstimmung mit sich selbst.
Sie geht,
getragen von Gottes liebevollem Blick,
der sagt:
„Siehe, meine Freundin,
du bist schön; schön bist Du!“(5)
Sie geht in der Kraft
und der Lebendigkeit ihrer Schönheit
und antwortet:
„Ich danke Dir dafür,
dass ich wunderbar gemacht bin!
Wunderbar sind Deine Werke,
das erkennt meine Seele.“(6)

Lied
In deinen Augen

Abschluss

Schönheit im biblischen Sinne entsteht im Blick derer, die lieben. Sie hat etwas damit zu tun, dass die Nähe Gottes in einem Menschen aufscheint. Zum Abschluss dieser Andacht stehen wir auf und sprechen uns zu, wie Gott uns ansieht, unser Leben lang, auch im Alter: „Du bist schön, schön bist Du!“
Eine beginnt, nennt ihren Namen und ihr Alter, z.B. „Ich bin Hanna, und ich bin 68 Jahre alt“. Alle anderen antworten: „Du bist schön, Hanna, schön bist Du!“ Dann reicht sie ihre Hand der linken Nachbarin. Diese nennt dann ihren Namen und ihr Alter und alle antworten wie oben beschrieben. So schließt sich nach und nach der Kreis.

Segen im Kreis mit Bewegungen

In Schönheit wandre ich
(ohne Handfassung drei Schritte nach links gehen)
Mit Schönheit vor mir, so wandre ich
(die Hände ausgestreckt vor sich halten)
Mit Schönheit hinter mir, so wandre ich
(die Hände nach hinten bewegen)
Mit Schönheit unter mir, so wandre ich
(die Hände vor sich halten und sich hinunter beugen)
Mit Schönheit über mir, so wandre ich
(die Hände nach oben strecken)
Mit Schönheit rund um mich her, so wandre ich
(mit den Händen eine Bewegung um sich herum machen)
In Schönheit ist es vollendet
(die Nachbarinnen an der Hand fassen, den Kreis schließen)
Alle: Amen. So sei es.(7)

Die Teilnehmerinnen nehmen ihre Perle aus der Mitte wieder auf und werden eingeladen, sie mitzunehmen.

Karin Böhmer, Pfarrerin, 42 Jahre alt, Leiterin der Abteilung Frauen Bildung Spiritualität im Verband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e.V. in Darmstadt

 

Anmerkungen
1
Naomi Wolf, Der Mythos Schönheit, Reinbek 1993
2 Vgl. Regina Ammicht-Quinn, „Eigentlich sollte ich doch jetzt wunderschön sein …“, in: Schlangenbrut Nr. 78, August 2002, S. 9
3 ebd
4 Silvia Schroer und Thomas Staubli, Die Körpersymbolik der Bibel, Darmstadt 1998, S. 29
5 Hohelied 1,15
6 Psalm 1 39,14
7 Der Segen stammt aus einem Artikel von Erni Kutter, Weibliche Spiritualität und die Schönheit der Göttin, Schlangenbrut Nr. 78 , August 2002, S. 23. Sie gibt hier alte indianische Segensworte wieder.

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