Ausgabe 1 / 2004 Material von Carter Heyward

Lesbische Frauen

Von Carter Heyward

Lesbisch zu sein bedeutet nichts anderes als unsere Sehnsucht nach innigen  Beziehungen mit anderen Frauen, unsere Sehnsucht, einander an den geheimsten Stellen zu streicheln und zusammen zu entdecken, wie wunderbar wir sind. Wir wollen unsere gemeinsame und individuelle Basis erforschen, unseren Boden, unsere Blüten, aber auch unser Unkraut. Wir wollen unsere Körper und damit uns selbst feiern. Gemeinsam beginnen wir Lesbierinnen zu glauben, dass unsere  Körper, also wir selbst, „das heilige Wort“ sind, wie Hyung Kung Chung es ausdrückte. Dieses Wort lehrt, dass die Erotik eine heilige Kraft ist. Dies ist eine radikale Umkehr in unserer „theologischen Epistemologie“.
Endlich begreifen wir, was wirklich heilig in unserem Leben ist, dass wir gut und gesund sind, sinnlich und voller Harmonie. …

Im Kampf um Gerechtigkeit ist es wichtig, dass wir uns und anderen klarmachen, dass lesbische Frauen Trägerinnen einer ganz besonderen und manchmal sogar schrecklichen Kraft und Leidenschaft sind: Es stimmt, wir Frauen verfügen in der lieblichen, lustvollen Leidenschaft der durch Frauen verkörperten Liebe zu anderen Frauen über eine wunderbare Quelle kreativen und befreienden Segens.
Doch wir tragen in uns auch den einsamen, manchmal quälenden schmerzhaften, wütenden Zorn darüber, dass der Segen unserer Liebe und Arbeit sowohl der Öffentlichkeit als auch uns selbst allzu oft verborgen bleibt. Es gibt für mich persönlich nichts Schmerzlicheres,  als erleben zu müssen, wie meine ureigensten Quellen, also die leidenschaftliche Liebe zu meinen Freundinnen, diese erotische, schöpferische Kraft in meinem Leben, lächerlich gemacht oder ganz negiert werden, und zwar nicht nur von Kirchenvätern, sondern auch von Frauen, einschließlich Lesbierinnen.
Wir verletzen einander aus Angst vor der Kraft und Leidenschaft unserer Beziehungen. Wir alle tun das, und wir sind doch hier auf dieser Welt, um einander über diese schwachmachende Furcht hinwegzuhelfen, die unsere Energie und damit unser Leben angreift.

Audre Lorde hat recht: Unser Schweigen wird uns nicht schützen. Das Schweigen von uns Lesbierinnen wie auch das Schweigen der heterosexuellen Frauen wird uns letztendlich vor gar nichts schützen, sondern es wird uns in erster Linie von den Dingen abhalten, die am wichtigsten für uns sind: unsere Kreativität und unser Kampf für die Befreiung aller Unterdrückten in der Welt.

Wir alle sind in Gefahr! Deshalb sollten wir endlich zornig werden, und zwar nicht aufeinander – das wäre gerade die falsche Reaktion –, sondern auf die Kontrollmechanismen, die unser Leben, unsere Arbeit und unsere Beziehungen
beherrschen. Der einzige Weg, mit diesen Mechanismen fertig zu werden, ist, zusammenzuhalten, zusammen zu sprechen und zu handeln. Und dann lasst uns feiern und lieben! …
Lasst uns nicht die Türen voreinander verschließen! Lasst uns endlich wagen, zusammen gegen die Furcht anzugehen, die uns so lange Zeit voneinander, von uns selbst und von unserer eigenen Macht entfremdet hat!

Carter Heyward
Quelle unbekannt

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