Ausgabe 2 / 2015 Artikel von Heike Gundacker

mitmischen.de

Medien als Instrumente politischen Handelns

Von Heike Gundacker

Jedes Jahr kürt eine unabhängige Jury das Unwort des Jahres. 2014 war es der von den AnhängerInnen der Dresdner Pegidabewegung benutzte Begriff der „Lügenpresse“.

Medien, die es gewagt hatten, Ziele und Beweggründe der islamfeindlichen Bewegung zu hinterfragen, wurden kurzerhand als „Lügenpresse“ diffamiert. Neu ist das nicht. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff von Politikern aus unterschiedlichen Lagern als Kampfbegriff gegen unliebsame Veröffentlichungen genutzt. In der Begründung der Jury zum Unwort des Jahres ist daher zu lesen: „Das Wort ‚Lügenpresse' war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalso­zialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien.“

Die „bösen“ Medien also sind an allem Schuld. Oder positiv betrachtet: Medien beeinflussen durch ihre – im Idealfall – unabhängige Berichterstattung unser Denken und Handeln und dienen als Instrumente politischen Handelns.

Gutenberg @ Zuckerberg

Auch das ist nicht neu. Mit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg war den Reformatoren um Martin Luther im 16. Jahrhundert ein neues, überaus wirksames Medium an die Hand gegeben: Flugschriften oder Flugblätter, die sich in hohen Auflagen drucken und verbreiten ließen. So wurde schon Luthers Sendschrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ (1520) immerhin in einer Auflage von 4000 Exemplaren gedruckt.

Reformatoren, Prediger und Agitatoren aller Couleur erkannten schnell den Nutzen des neuen Mediums. Waren sie früher darauf angewiesen, dass das Publikum sich vor Ort versammelte, um ihrem mündlichen Vortrag zuzuhören, konnte man jetzt die Flugschriften zeit­unabhängig und überall lesen. Laut Online-Lexikon Wikipedia erschienen zwischen 1501 und 1530 etwa 10.000 Flugschriften mit religiösem und oder politischem Inhalt, in denen nicht selten auch polemisch gegen den herrschenden Adel zu Felde gezogen wurde. Kein Wunder also, dass schon 1529 im Heiligen Römischen Reich die Zensur eingeführt wurde. Den Herrschenden war offenbar schnell klar geworden, dass mit Hilfe der „neuen“ Medien die politischen Verhältnisse in Frage gestellt werden konnten. So sind also schon die Flugschriften der frühen Neuzeit als effiziente Instrumente politischen Handelns zu sehen.

Abgelöst wurde die Flugschrift ab dem 17. Jahrhundert durch die Zeitung, die sich als Informationsmedium rasch durch­setzte. Mit der zunehmenden Alphabetisierung der Bevölkerung wuchs der Informationsbedarf, und damit stieg auch die Anzahl der Zeitungen. So gab es 1932 in Deutschland über 4.700 Zeitungen, die dank der 1874 gesetzlich verankerten Pressefreiheit frei und unzensiert berichten konnten.

Einen deutlichen Einschnitt hinsichtlich der Pressefreiheit erfuhren Zeitungen und Verlage während der nationalsozialistischen Herrschaft. Nach der Macht­ergreifung wurde die freie Presse Schritt für Schritt gleichgeschaltet. Unabhängiges Berichten war nicht mehr möglich, die Presse verkümmerte zum Propaganda-Organ der Nazis, die bestimmten, wie und worüber berichtet wurde. Das betraf auch den noch jungen Hörfunk, dessen Potenzial als Massenmedium die Nazis sehr schnell erkannt hatten. Um eine größtmögliche Verbreitung von Hitlers Botschaften in deutsche Haushalte sicherzustellen, lancierten die Nationalsozialisten mit dem „Volksempfänger“ ein vergleichsweise günstiges Radiogerät. Wer damit verbotene „Feindsender“ hörte, dem drohten drako­nische Strafen – ein trauriges Beispiel dafür, wie sich Diktaturen Medien aneignen, um die eigenen Interessen zu propagieren und politische Gegner „mundtod“ zu machen.

Mit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft konnten die Medien zumindest in der neu gegründeten BRD im Großen und Ganzen wieder unabhängig berichten. Zu Printpresse und Hörfunk gesellte sich in den 50er Jahren das Fernsehen, das sich schnell zum Massenmedium entwickelte. Waren es zu Beginn des Sendebetriebs 1952 gerade einmal 300 FernsehteilnehmerInnen, so stieg die Zahl schon in den nächsten zehn Jahren auf über sieben Millionen an und erreichte bis in die 70er Jahre hinein jährliche Steigerungsraten von über 20 Prozent. Bis heute ist der Fernsehapparat nicht aus den Wohnzimmern wegzudenken, und angesichts der Popularität des Mediums wundert es nicht, dass es immer auch Begehrlichkeiten seitens der Politik gab und gibt, auf das Fernsehen und über das Fernsehen Einfluss zu nehmen und Meinung zu machen.

Bis 1983 waren in der BRD nur öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehsender zugelassen; bis heute haben diese einen öffentlichen Auftrag, zu dem Meinungsvielfalt, Bildungsauftrag und Qualität der Sendungen als wesentliche Bestandteile gehören. Daneben existieren seit 1984 auch private Hörfunk- und Fernsehsender, die privatwirtschaftlich geführt und werbefinanziert sind und mithin kommerziellen Interessen Rechnung tragen müssen. Ausgestrahlt wird, was der Masse des Publikums gefällt, hohe Einschaltquoten und damit satte Werbeeinnahmen bringt. Die mit der Einführung der privaten Sender einhergehende Umstrukturierung und Diversifizierung in der deutschen Medienlandschaft war weitreichend. Eine Vielzahl von Sendern auf Kabel- und Satellitenfrequenzen buhlen seitdem um die Aufmerksamkeit der ZuschauerInnen und um Einfluss.

Mitte der 90er Jahre kommt auch in Deutschland ein weiteres Medium ins Spiel, das die Aufmerksamkeit der Menschen bindet: das Internet. Verbreitung und Nutzung des Internets steigen schnell ebenso stark an, wie einst bei Zeitung, Fernsehen und Hörfunk. Heute nutzen 79 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung täglich das Internet. In den jüngeren Altersgruppen erreicht die Abdeckung 100 Prozent. Die Verlagerung hat zum Teil fatale Folgen für die „klassischen“ Medien: Viele Zeitungen verlieren AbonnentInnen und damit Werbeeinnahmen und müssen Insolvenz anmelden. Der letzten ARD-ZDF Online-Studie zufolge lesen die Deutschen im Jahr 2014 im Schnitt täglich nur noch 23 Minuten Zeitung, während sie 111 Minuten im Internet verbringen.

Quantensprung Web 2.0

Mit der technischen Weiterentwicklung, den zunehmenden Speicherkapazitäten und den immer schneller werdenden Internetanbindungen geht im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts aber noch eine weitere Entwicklung einher: Das Internet wird interaktiv und lädt zum Mitmachen ein. InternetsurferInnen werden von KonsumentInnen zum ProduzentInnen. Bis Anfang des 21. Jahr­hunderts funktionieren die im World Wide Web präsentierten Websites (Home­pages) ebenso wie die anderen Massenmedien: Informationen werden angeboten, das Publikum konsumiert sie. Die Zeitungsleserin liest die Zeitung, der Fernsehzuschauer sieht sich ein Programm an, die Besucherin einer Internetseite „liest“ die dort angebotenen Informationen, sieht sich die Bilder oder Videos an oder hört Musikdateien. Ab dem Jahr 2001 kommen neue Plattformen auf, die unter dem Begriff Web 2.0 zusammengefasst werden. Gemeint ist die Möglichkeit mitzumachen, selbst Inhalte zu produzieren (User Generated Content). 2001 startet zum Beispiel das Online-Lexikon Wikipedia. Ein kostenloses Lexikon, dessen Inhalte von den InternetnutzerInnen selbst produziert werden, und bei dem praktisch jede/r mitmachen kann. 2003 gründet Mark Zuckerberg die Plattform Facebook, auf der sich Menschen miteinander vernetzen und Inhalte – seien es Nachrichten, Tipps, Bilder oder was immer – austauschen können. 2005 startet die Videoplattform youtube, auf der InternetnutzerInnen selbst produzierte Videos präsentieren, 2006 der Kurznachrichtendienst Twitter, mit dem registrierte BenutzerInnen in 140 Zeichen Nachrichten (Tweets) an ihre AbonnentInnen (Follower) versenden können.

Auch wenn inzwischen zahlreiche weitere sogenannte Social Media Plattformen oder Soziale Netzwerke hinzu­gekommen sind, die Verbreitung von Facebook und Youtube übersteigt die der anderen Netzwerke: Facebook hat weltweit über eine Milliarde registrierte NutzerInnen, 2014 waren es allein in Deutschland 28 Millionen. Auf youtube werden täglich über vier Milliarden Videos weltweit angesehen. Die Zahlen für Twitter sind niedriger, dennoch ist die Plattform von großer Bedeutung, weil sich über sie Nachrichten schneller verbreiten als über andere Medien. Ein Beispiel: Über den Amoklauf von Winnenden 2009 erfuhren sowohl die Bevölkerung als auch die anderen Medien zuerst durch eine Twitternachricht.

Etwas bewegen

Das Grundprinzip der Neuen Medien ist also (a) die Vernetzung von vielen Personen untereinander, die sich in der „realen“ Welt oft gar nicht kennen, aber ähnliche Interessen haben. Und (b) ist es die Möglichkeit des Mitmachens, des Produzierens von eigenen Inhalten, die über die FreundInnen oder AbonnentInnen geteilt werden.

Daraus ergeben sich weitreichende Möglichkeiten der Beteiligung der Einzelnen an politischen oder gesellschaftlichen Vorgängen, die die „alten“ Massenmedien, wie etwa Zeitung oder Fernsehen nicht bieten können. Dazu einige Beispiele:

Rücktritt Köhler – Im Jahr 2010 äußert sich, von der Öffentlichkeit zunächst weitgehend unbemerkt, der damalige Bundespräsident Köhler gegenüber dem Deutschlandfunk über die Rolle der Bundeswehr in Afghanistan. Aufgegriffen wird das zunächst von einem Blogger, der über Twitter von dem Interview erfahren hat. Der Blogger kritisiert die Äußerung Köhlers in seinem Weblog, über die sozialen Netzwerke verbreitet sich die umstrittene Passage des Interviews sehr schnell, viele sind empört darüber. Auch wenn die sozialen Netzwerke allein nicht der Auslöser von Köhlers Rücktritt sind: Sie haben einen wesentlichen Anteil an der Verbreitung seiner Äußerung und der Kritik der BürgerInnen dazu.

Arabischer Frühling – Im Jahr 2011 kommt es in Ägypten zu einem Aufstand von weiten Teilen der Bevölkerung gegen Präsident Hosni Mubarak. Einen wesentlichen Anteil an der Mobilisierung der Bevölkerung haben Facebook, Twitter und Youtube. Während das staatlich kontrollierte Fernsehen manipulierte Bilder des leeren Tahrir-Platzes in Kairo zeigt, vernetzen und verabreden sich DemonstrantInnen über Facebook und Twitter. Mit Smartphones aufgenommene Bilder werden über Twitter verschickt und über Facebook praktisch mit aller Welt geteilt. Die über die Netzwerke geteilten Bilder und Videos vom gewaltsamen Vorgehen der Machthaber gegen die DemonstrantInnen zeigt der weitverbreitete arabische Fernsehsender Al Jazeera, womit sie wieder in die ägyptischen Haushalte gelangen und die Massen mobilisieren. Die ägyptische Regierung reagiert und schaltet das Internet komplett ab. Genutzt hat das nichts: Hosni Mubarak wird schließlich gestürzt.

Fluthilfe Dresden – Nach tagelangem Dauerregen überflutet die Elbe Anfang Juni 2013 weite Teile der Stadt Dresden. Viele Stadtteile sind akut bedroht, EinwohnerInnen müssen evakuiert werden. Neben der professionellen Hilfe organisieren BürgerInnen unbürokratisch und schnell Hilfsangebote über die am 2. Juni ins Leben gerufene Facebook-Seite „Fluthilfe Dresden“ – www.facebook.com/FluthilfeDresden. Wer Hilfe sucht oder anbietet, kann auf der Seite einen Beitrag posten (eintragen). Vom Aufruf, Sandsäcke zu befüllen und an den Deichen zu stapeln, bis hin zum Angebot, eine vom Hochwasser bedrohte Familie nebst Haustier in der eigenen Wohnung aufzunehmen – für viele DresdnerInnen ist die Facebook-Seite eine wichtige Anlaufstelle für schnelle Hilfe. Ein pikantes Detail am Rande: Lutz Bachmann, der „Kopf“ der Dresdner Pegida-Bewegung, ist maßgeblich an der Facebook-Initiative für die Fluthilfe beteiligt.

Die Kehrseite der Medaille

Dass sich Facebook, Twitter, Youtube und Co. auch zur Verbreitung von Propaganda einsetzen lassen, haben auch Terrororganisationen wie Al Quaida und Islamischer Staat (IS) erkannt. Der IS verbreitet über Soziale Netzwerke Videos von grausamen Hinrichtungen und Massenvergewaltigungen und erzielt über das Verbreitungspotenzial der Plattformen die größtmögliche Aufmerksamkeit für seine grausamen Botschaften.

Tröstlich: Zum regelrechten Hit wurde ein Youtube-Video, das zeigt, wie sich eine alte Frau mit IS-Kämpfern anlegt und sie verflucht: „Ihr Teufel, kehrt zu Allah zurück!“ Aufgenommen und ins Netz gestellt wurde das Video vermutlich von den beschimpften IS-Kämpfern selbst. Angesehen wurde es bislang fast 82.000 Mal.

Für die Arbeit in der Gruppe

Wie die Sozialen Netzwerke funktionieren, lässt sich am besten in der Praxis erarbeiten. Dazu teilen Sie Ihre Gruppe auf, so dass die eine Gruppe der anderen über ihre Erfahrungen berichten kann. Alles, was Sie dafür brauchen, sind zwei Laptops mit Internetzugang – und schon kann's losgehen.

Gruppe A beschäftigt sich mit Facebook. Einige oder alle Mitglieder der Gruppen erstellen ein persönliches Facebook-Konto. Lassen Sie sich dabei von jemand unterstützen und begleiten, die oder der Facebook schon länger nutzt. Freunden Sie sich an, tauschen Sie sich aus, gründen Sie eine Interessensgruppe und vernetzen Sie sich. Schauen Sie sich Facebook-Fanseiten an. Sie lernen so, wie sich Facebook einsetzen lässt.

Gruppe B beschäftigt sich mit Twitter. Einige oder alle Mitglieder der Gruppe erstellen ein Twitter-Konto. Abonnieren Sie die Twitter-Feeds derjenigen Medien, die Sie interessieren. Versuchen Sie, auch selbst AbonnentInnen zu gewinnen und sich gegenseitig zu abonnieren.

Dr. Heike Gundacker, geb. 1962, hat Slavistik, Germanistik und Philosophie studiert. Anschließend war sie Projektleiterin Internet bei der ERB Medien GmbH. Seit 2010 ist sie Internetredakteurin im Zentrum für Kommunikation (ZfK) und dort zuständig für die technische Betreuung des Internet-Auftritts der Evangelischen Landeskirche in Baden.

Quellen
Dr. Aslem El Difraoui: Die Rollen der Medien im Arabischen Frühling. Bundeszentrale für politische Bildung. 3.11.2011 – (www.bpb.de/internationales/afrika/arabischer-fruehling/52420/die-rolle-der
neuen-medien?p=all)
Wolfgang Günther Lerch: „Ihr Teufel, kehrt zu Allah zurück“ –Frankfurter Allgemeine Sonntags­zeitung am 1. 3. 2015.
Wikipedia-Artikel: Flugschrift / Fernsehen
ARD-ZDF Online Studie 2014

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