Alle Ausgaben / 2012 Artikel von Antje Donker

Ruhe bitte!

Wie Lärm unser Leben beeinträchtigt

Von Antje Donker


„Das Lärmen der Menschheit ist zu groß geworden, ich verliere Schlaf über ihrem Getöse“, beklagt sich, etwa 1800 Jahre v. Chr., der Gott Ellil im sumerischen Schöpfungsmythos. Er beschließt, die Menschheit in einer Sintflut zu ertränken, damit endlich Ruhe herrscht.

Lärm ist so alt wie die Menschheit. Doch nicht jedes Geräusch ist Lärm. Lärm entsteht erst im Ohr beziehungsweise im Gehirn der Hörenden. Bedeutet noise im Englischen sowohl Geräusch als auch Lärm, haben wir im Deutschen eigens einen Begriff für den Schall, der als störend, belastend oder beunruhigend empfunden wird.

Zu den Waffen!
Etymologisch betrachtet stammt das Wort Lärm von Alarm, dem alten italienischen Schlachtruf all' arme – „zu den Waffen“.(1) Seiner Natur nach ist das Ohr ein Alarm-Organ, weil in früheren Zeiten das Überleben maßgeblich von seiner Wachsamkeit abhing. Denn lange, bevor man den Feind sehen konnte, war er zu hören, besonders in der Nacht. Ein Ohr schläft nie. Anders als ein Auge kann es sich nicht vor äußeren Eindrücken schützen. Jedes unbekannte Geräusch versetzt Menschen in eine Art Ausnahmezustand: „Noch bevor man überhaupt weiß, was man gehört hat, schießt einem das Blut in den Kopf; das Herz rast, und man sitzt hellwach im Bett, bereit zu Kampf und Flucht.“(2) Das vegetative Nervensystem reagiert mit den in vielen Jahrtausenden bewährten Mitteln – heute allerdings auf ein startendes Flugzeug, einen Presslufthammer oder das Hundegebell des Nachbarn. Selbst harmloseste Geräusche können uns seelisch wie körperlich so unter Stress setzen, als ginge es um Leben und Tod. Und zunehmend greifen Menschen tatsächlich zur Waffe, um sich zu verteidigen: „52-Jähriger erschießt Nachbarn. Er fühlte sich durch seinen Lärm belästigt.“ Zum Glück endet nicht jeder Schall-Alarm tödlich. Doch in zahlreichen Studien werden typische Stressfolgen des Lärms nachgewiesen: Aggressivität, Schlafstörungen, mangelnde Konzentrationsfähigkeit. (3)

Lärm muss nicht laut sein, um das Nervenkostüm zu ruinieren. Das Geräusch einer tickenden Uhr oder das Brummen des Fernsehers aus der Nachbarwohnung sind mit einem Schallpegelmessgerät kaum zu erfassen – und können uns doch erbarmungslos den Schlaf rauben. Was wir als störend empfinden, hängt von unserer Befindlichkeit ab. Wenn wir schlafen oder uns konzentrieren wollen, werden Geräusche schneller als störend empfunden, als wenn wir selbst ein kleines Fest auf dem Balkon feiern. Sind wir der Quelle des Lärms freundschaftlich verbunden, sehen wir mit mehr Gelassenheit über denselben Lärmpegel hinweg als über jeden, der uns von weniger sympathischen Menschen erreicht. Geräusche verbinden sich besonders schnell mit negativen Emotionen. Es entsteht ein „Lärmgedächtnis“. Das wird – unfreiwillig – trainiert wie ein Schmerzgedächtnis, das Schmerz fühlt, obwohl die Ursache des Schmerzes längst behoben ist. Weil -besagte Person immer um 22 Uhr Musik hört, schließt unser Gehirn schon nach wenigen Wiederholungen, dass sie es auch heute tut. Auch wenn die Anlage schweigt.

Wer den Lärm hat, hat den Schaden
Nicht jede Schallbelastung führt zu einer Schädigung des Ohres. Eine Beeinträchtigung der Hörfähigkeit ist abhängig von der Höhe des Schallpegels wie von der Dauer der Belastung – aber unabhängig davon, ob wir das Geräusch als unangenehm empfinden. Physikalisch und medizinisch gesehen ist es dem Gehör also gleichgültig, ob es mit Freuden in der Diskothek oder bei der Arbeit mit einem Presslufthammer ruiniert wird. Besonders schädlich sind extrem kurze, aber sehr laute Geräusche wie etwa Feuerwerkskörper. Vor allem aber schaden dauerhaft einwirkende Geräusche von 90 bis 100 dB(A),(4) die häufig am Arbeitsplatz anzutreffen sind.(5)

Die Schädigung durch solche Geräuscheinwirkungen liegt im Absterben der Innenohrhaare. Besonders tückisch -daran ist, dass die dadurch entstehende Schwerhörigkeit erst nach Jahrzehnten erkennbar ist. Geräuschbelastungen addieren sich im Laufe eines Lebens und tragen so in vielen Fällen langfristig zur Entstehung der sogenannten Altersschwerhörigkeit bei.(6) Lärmprävention ist darum schon bei Kindern und Jugendlichen wichtig.

Wer den Lärm macht, hat die Macht
Die Bewohner Jerichos verschanzten sich hinter ihren Stadtmauern, als die Isareliten anrückten. Doch Gott gab Josua folgenden Rat: „Ihr sollt um die Stadt herumziehen, alle Krieger sollen einmal die Stadt umkreisen; das sollst du sechs Tage lang tun. Und sieben Priester sollen sieben Widderhörner vor der Lade hertragen. Und am siebten Tag sollt ihr siebenmal um die Stadt ziehen, und die Priester sollen die Hörner blasen. Und wenn man das Widderhorn bläst, wenn ihr den Hörnerschall hört, soll das ganze Volk in lautes Kriegsgeschrei ausbrechen. Dann wird die Stadtmauer in sich zusammenfallen.“ (Jos 6,3-5)

Ob die Mauer von Jericho tatsächlich zusammengefallen ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall kann die Erzählung als Metapher für die verheerende Wirkung des Lärms verstanden werden.(7) Und sie belegt, dass Lärm schon früh als Mittel psychologischer Kriegsführung eingesetzt wurde. „Das Ohr ist die seelische Achillesferse des Menschen, und es lässt sich überdies bequem aus der Ferne durch die Luft erreichen – dies macht den Lärm zu einer wirkungsvollen Waffe, wenn eine Invasion nicht möglich ist.“(8) Wer über den Lärm verfügt, hat die Macht. Das gilt im heimischen Wohnzimmer wie auf den Kriegsschauplätzen der Weltgeschichte, weil man sich gegen Lärm kaum wehren kann. Wer sich dem entziehen will, muss das Feld räumen. Darum verbergen sich hinter Lärmkonflikten in der Regel Machtkonflikte. „Die Jugendclique, die im Park ihre Boombox aufdreht, genießt mit der lauten Musik auch das erhebende Gefühl, innerhalb der Reichweite des Schalls auch über die akustische Hoheit zu verfügen.“

Ähnlich lassen sich die zunehmenden Verbote des Läutens von Kirchenglocken deuten. Zur Zeit ihrer Erfindung übertraf der Schlag von Metall auf Metall an Läutstärke und Schärfe alles, was die Welt bis dahin kannte. Darum waren sie ein perfektes Mittel, um Nachrichten zu verbreiten – etwa die Gläubigen zum Gottesdienst zu rufen, einen Tod zu verkünden oder vor Gefahren zu warnen. Brachten sie früher alles zum Schweigen, werden heute manchenorts die Kirchenglocken zum Schweigen gebracht. Denn was zuvor ein gutes Gefühl der Verbundenheit mit Gott und der Dorfgemeinschaft vermittelte, wird nun häufig als Lärm empfunden und darum zum Teil erbittert bekämpft. „Das Kirchengeläut hat sich in unseren Köpfen in Lärm verwandelt, weil das Geläut der Glocken lauter ist, als es der Macht der Kirche entspricht.“(9)

Müssen wir uns das gefallen lassen?
Etwa 38 Prozent unserer Bevölkerung klagen über Beeinträchtigung durch Straßenlärm, 15 Prozent fühlen sich durch Fluglärm, 12 Prozent durch den Schienenlärm, ebenfalls 12 Prozent durch Lärm aus Gewerbe und Industrie und 17 Prozent durch Nachbarschaftslärm gestört.(10) Lärm ist so zum Thema der Umweltbehörden auf allen Ebenen geworden. Dasselbe gilt für Lärmschutz am Arbeitsplatz, war doch Lärmschwerhörigkeit über viele Jahre die Berufskrankheit Nr. 1.

Aber was kann man tun? Am besten ist es natürlich, Lärm zu vermeiden. Das wird eine politische Aufgabe bleiben, etwa im Bereich des Verkehrs- und Fluglärms. Seit 2002 gibt es die Europäische Richtlinie zu Vermeidung und Verminderung von Umgebungslärm. Derzeit wird eine sogenannte Lärmkartierung in Ballungsgebieten vorgenommen. Auch Industrie und Handel sind an Lärmvermeidung interessiert, weil KundInnen inzwischen die Lärm-Emissionen etwa bei Haushaltsgeräten und Autoreifen als Kaufkriterium betrachten. Und bei Verbraucherschutzverbänden spielt die Lärmbelastung bei der Bewertung von Produkten eine Rolle.(11)

In Schulen hat die Lärmdämmung mehr Aufmerksamkeit als noch vor wenigen Jahren.(12) Unterrichtsentwürfe, die sich in Fächern wie Musik, Physik oder Biologie mit dem Thema beschäftigen,(13) tragen zur Aufklärung junger Menschen bei. Zunehmend rückt auch der Freizeitlärm ins Blickfeld. Denn Hörschäden nehmen unter Jugendlichen drastisch zu, vor allem durch den Gebrauch von MP3-Playern. ExpertInnen geht davon aus, dass ein Drittel der Jugendlichen mit 50 Jahren ein Hörgerät benötigen wird. Noch tun sich allerdings die Hersteller mit einer freiwilligen Begrenzung der Lautstärke schwer.
Die Idee, sich gegen Lärm zu wehren, ist nicht neu. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gründete der Kulturphilosoph Theodor Lessing einen Antilärmverein und veröffentlichte eine „Kampschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“.(14) Er sah in dem zunehmenden Lärm eine „Degeneration der Kultur“. Die Sensibilität gegenüber Lärm machte er daher zu einem Bildungsideal. Während Intellektuelle ihre Lärmempfindlichkeit kultivierten, fand er die Ursache für den Lärm im unkultivierten Plebs. Diese sehr einseitige Deutung fand jedoch (zum Glück) kaum Freunde.

Heute wehren sich Menschen nicht nur gegen Flug- und Straßenlärm, sondern zunehmend auch gegen unerwünschte Lärmbelästigung in Restaurants, in Wartezimmern und in Kaufhäusern.(15) Denn selbst auf dem sprichwörtlichen „stillen Örtchen“ herrscht nur noch selten tatsächlich Ruhe. Das stinkt inzwischen vielen Menschen.

Für die Arbeit in der Gruppe

Die TN sollen Lautheit als Beeinträchtigung (bis hin zu körperlichen Schäden) wahrnehmen, Subjektivität von Lärm erkennen und Ruhepunkte suchen und finden.

Material

– eventuell Lärmmessgerät (Ausleihe über Ev. Schwerhörigenseelsorge) oder App „Lärmmesser“ (kostenlos) für Smartphone oder iPhone und „Lärmometer“ (s.S. 50); Ohropax
– alternativ: kurze Info-Filme im Internet (http://www.planet-wissen.de/natur_technik/sinne/hoeren/av_laerm_dasa.jsp)

Ablauf

Einstieg
Wo erlebe ich Lärm? Wann ist laut schön? (Konzert, Feste feiern – Lautheit als Ausdruck von Lebensfreude) Wie erfahre ich Stille?

Informationsmöglichkeiten
– Die TN messen (im Raum selbst erzeugten oder draußen hörbaren) Lärm (Gespräche, Kinderspielzeug, Haushaltsgeräte, Autoreifen etc.) – alternativ: Info-Filme oder Beratung durch ein/e Mitarbeiter/in einer Verbraucherschutzzentrale
– Laut kann auch schön sein: Vielleicht gibt es in der Gemeinde oder in der landeskirchlichen Frauenarbeit eine Mitarbeiterin, die mit der Gruppe einen Trommelworkshop machen könnte?
– Um Lärm-Probleme vor Ort in den Blick zu nehmen, kann z.B. zum Thema Fluglärm ein Mitglied einer Bürgerinitiative eingeladen werden.
Die Gruppe kann Aktionen zum Tag gegen Lärm (am letzten Mittwoch
im April) durchführen. – Informationen unter www.tag-gegen-laerm.de

Viele Menschen sind durch Schwerhörigkeit oder Ertaubung unfreiwilliger Stille ausgesetzt. Unter www.schwerhoerigen-seelsorge.de finden Sie die AnprechpartnerInnen der Landeskirchen, die zu dem Thema eingeladen werden können.

Still sein und still werden
Stille ist noch kein Garant für innere Ruhe – Autogenes Training ist eine Möglichkeit, dahin zu finden. Warum nicht einmal eine Trainerin für eine -Probestunde einladen?

Man/frau kann auch kreativ zur Ruhe kommen (Filzen, Seife herstellen, Traum-fänger – sprich Lärmfänger – herstellen …); alternativ kann die Gruppe ein -entsprechendes Angebot der ört-lichen Volkshochschule oder FBS wahrnehmen.

Abschluss
Psalmvers 46,11 vorlesen:
Seid stille und erkennet, dass ich
Gott bin – kurze Stille
Lied: Man lobt dich in der Stille
(EG 323; Melodie: Nun lob mein Seel den Herren, EG 289)

Antje Donker, Jahrgang 1964, ist Theologische Referentin der Evangelischen Schwerhörigenseelsorge in Deutschland e.V. in Kassel. – mehr dazu unter www.schwerhoerigenseelsorge.de

Anmerkungen:
1 Geisel, 9
2 aaO., 10
3 Vgl. Zeitschrift für Lärmbekämpfung (37)1990, 1-6; Download unter www.technikwissen.de/laerm
4 Dezibel (dB) ist die Maßeinheit für den Schall(druck)pegel. Ein Unterschied von einem Dezibel entspricht ungefähr der kleinsten, mit gutem Gehör gerade noch wahrgenommenen Änderung einer Lautstärke. Da unser Gehör Töne unterschiedlicher Frequenz als verschieden laut empfindet, werden die Schallsignale im Messgerät so gefiltert, dass die Eigenschaften des menschlichen Gehörs nachgeahmt werden. Man spricht dann von einer sogenannten A-Bewertung, kurz dB(A). Null dB(A) entspricht der Hörschwelle, 130 dB(A) der Schmerzgrenze. (http://www.um.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/39547/)
5 Ausführliche Informationen im Kapitel „Berufsbedingte Schwerhörigkeit“ in: Hörstörungen und Tinnitus. Heft 29 aus der Reihe „Gesundheitsberichterstattung des Bundes“', hg. v. Robert-Koch-Institut im Januar 2006, 15f. Download unter: www.gbe-bund.de
6 Vgl. Hörstörungen und Tinnitus, 15f
7 Geisel, 32
8 a.a.O., 31
9 Geisel, 28
10 Vgl. Hörstörungen und Tinnitus, Abb. 5, 12
11 Vgl. z.B. Spielzeug und Lärm. So schützen Sie Ihr Kind, in: Stiftung Warentest 1 (2010)
12 Vgl. Lärm in Bildungsstätten. Broschüre der Initiative Neue Qualität der Arbeit. Download unter: www.inqa.de
13 Z.B. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Unterrichtsentwürfe Lärm und Gesundheit. Download unter: www.bzga.de. Film und viel Begleitmaterial für den Einsatz für junge Menschen ‚Hören und Lärm' unter www.tatort-ohr.de
14 Theodor Lessing, Der Lärm. Wiesbaden 1908. Download unter: http://de.wikisource.org
15 Vgl. www.beschallungsfrei.at in Österreich und www.pipedown.de in Deutschland

Zum Weiterlesen
Sieglinde Geisel: Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille, Köln 2010

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