Alle Ausgaben / 2009 Artikel von Hilde Lehnert

Unerschrocken

Anleitung zum Sich-Einmischen

Von Hilde Lehnert


Eigentlich habe ich nie etwas Besonderes gemacht, doch was ich tat, versuchte ich gut und richtig zu machen.

Als junge Frau bin ich 1950 über die grüne Grenze aus der DDR nach Westdeutschland gegangen. Zuerst war ich auf einem Bauernhof bei Rinteln im „Dienst“. Dort wurden Menschen und Tiere – wie man damals sagte – gut gehalten.


… wo Tiere gequält werden

Unser Hofhund Troll war unser Kind im Haus. Einmal hörte ich ihn kläglich jaulen. Hinterm Zaun sah ich den Jungbauern vom Nachbarhof auf ihn einprügeln. Ich lief hin und trug unseren Hund, der am Kopf blutete, ins Haus. Er war bewusstlos, kam aber bald wieder zu sich. Dann erinnere ich mich an einen Nachmittag, an dem die Bauersleute nicht zu Hause waren. Karla, unser zweites Mädchen, kam in die Küche gelaufen und sagte: „Hilde, ich weiß jetzt, weshalb unser Bulle so böse geworden ist, der Heinz piekt ihn immer mit der Forke in die Beine. Oh, wie habe ich unseren Knecht da „zur Minna“ gemacht!

In der Zeit der Heuernte hatte ich ein ähnliches Erlebnis. Wir luden in den Weserwiesen die Fuder. Ich war hoch auf dem Wagen, da hörte ich lautes Schreien und Schimpfen. Der Bauer, puterrot im Gesicht, schlug voller Jähzorn auf die Stute ein, die nicht weiterziehen wollte. Ich weiß heute noch nicht, wie ich vom fast vollen Wagen heruntergekommen bin. Ich riss dem Bauern die Peitsche aus den Händen, und dann stand ich mit einer Heugabel vor diesem zornigen Mann. Dass er mein Chef war, hatte ich in diesem Augenblick vergessen. Wenn in meiner Gegenwart ein Tier verprügelt wird, muss ich immer noch etwas tun.


… wo Fremdsein ängstigt

In meinem ersten Jahr in Herford arbeitete ich in einem Haushalt, dann wurde ich Fabrikarbeiterin. Ich arbeitete in einer Niedriglohngruppe für Frauen, als Ungelernte mit 45 Pfennig Stundenlohn. Ich war verlobt, wollte heiraten. Doch der Mann verließ mich und ich war mit meinem Kind allein. Ich hatte Glück, denn ich konnte in meinem möblierten Zimmer bleiben. Meine Tochter blieb in der Nähe meiner Wohnung in einem christlichen Kinderheim. Geld für die Unterkunft wurde von meinem Lohn einbehalten. Ich war allein in Herford – aber die Verwandten einer weggezogenen Freundin waren mein Familienersatz, und Vertriebene und Flüchtlinge halfen sich gegenseitig.

Ich war als Fremde nach Herford gekommen. Ich hatte den Wunsch, hier eine Heimat für mich und meine Tochter zu finden. Wir haben am Gemeindeleben unserer Kirchengemeinde teilgenommen und ich wurde Mitglied im „Verein für Heimatkunde“. Wir waren viel unterwegs auf Fahrten und Wanderungen und lernten so die Stadt und die Umgebung kennen. Noch heute möchte ich den Zugereisten – gleich welcher Nationalität – zurufen: „Lasst Eure Kinder die Stadt, in der sie leben, kennen lernen. Seid für die Sitten und Gebräuche, die an eurem neuen Wohnort gelebt werden, aufgeschlossen. Früher gab es in der Grundschule noch das Fach Heimatkunde, in dem auch auf die Traditionen in der Region eingegangen wurde. So hat es mich nicht verwundert, aber sehr erfreut, als in den achtziger Jahren türkische Grundschulkinder in der Adventszeit den Quempas im Herforder Münster mitgesungen haben. Ihre Eltern waren als Zuhörende mit dabei. Ich finde, wenn schon Kinder die Kultur anderer kennen lernen, können sie doch keine Feindschaft aufbauen.


… wo Kulturen aufeinanderprallen

An meinem Arbeitsplatz in einer Elektrofirma gab man mir, obwohl ich als Ungelernte arbeitete, gern einen Praktikanten zur Seite. Ich war die einzige Frau unter Männern. Den jungen Praktikanten gegenüber war ich sehr zurückhaltend, weil ich nicht wusste, wie sie mit meiner Rolle in einem „Männerberuf“ fertig werden. Ein junger Peruaner, ein Indio, hatte nach einiger Zeit zu mir Vertrauen gefasst. Er hatte schon auf mehren Plätzen gearbeitet und immer gesagt: „Alles falsch, verkehrt.“ Nach einiger Zeit wollte ich wissen, was er meinte, denn seine Arbeit war gut und richtig. Er fragte mich: „Gibt es noch andere Elektrizität?“ Ich erzählte ihm vom Umspannwerk in einem anderen Ort und von Starkstromleitungen. Da strahlte er und lachend sagte er: „Das ist richtig!“ Ich wandte mich an den zuständigen Ingenieur und er bekam den richtigen Praktikumsplatz. Später traf ich ihn der Stadt, als er verzweifelt ein Fachbuch in Spanisch suchte. Gemeinsam haben wir der Buchhändlerin das Anliegen vorgetragen.

Später wurde ich in meiner Firma als erste Frau in den Betriebsrat gewählt. Zunächst kamen die Gastarbeiterinnen zu mir mit ihren Problemen, später auch ihre Männer. Einmal sagte ich zu einer Türkin: „Geht doch zu Eurem Dolmetscher, der versteht Euch besser.“ Da bekam ich die Antwort: „Nein Hilde, du verstehst uns.“ Ich hatte damals in der Fabrik das Vertrauen vieler Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter gewonnen, weil ich ihnen aufmerksam zuhörte. Heute noch treffe ich sie in der Stadt, Rentnerinnen und Rentner wie ich, und wir bleiben auf der Straße stehen und erzählen von früher.

Als Rentnerin habe ich in dem Verein „Kulturen in der Region“ mitgearbeitet. Hier fanden die ausländischen Bürgerinnen und Bürger ein Forum, in dem sie ihre Kultur vorstellen konnten. Hier lernte ich Salva und Fuad, ein syrisches Ehepaar, kennen – mit ihnen und ihren Kindern bin ich über viele Jahre herzlich verbunden. Salva verarbeitete ihr Heimweh, indem sie Gedichte in arabischer Sprache schrieb. Ich konnte helfen, diese Texte ins Deutsche zu übertragen, weil ich ihre Gefühle verstehen konnte. Ich hatte Zweifel, als wir mit dieser Arbeit begannen, aber Fuad sagte: „Du kannst das, Hilde.“


… wo Altwerden manches ändert

Seit vielen Jahren habe ich in Herford und in meiner kleinen Altenwohnung Heimat gefunden. Durch mancherlei Alterswehwehchen und meine Gehbehinderung ist mein Radius eingeschränkt. Aber ich bemühe mich, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Regelmäßig besuche ich unser Seniorenzentrum. An einem Nachmittag in der Woche arbeite ich ehrenamtlich am Empfang und ansonsten bin ich dort Mitglied in einer Zeitungsgruppe. Schon viele Jahre arbeiten wir mit einem Redakteur einer Herforder Tageszeitung zusammen. Wir schreiben unsere Erinnerungen auf, nehmen aber auch zu aktuellen Themen Stellung. Die Seniorenseite wird von Jung und Alt gern gelesen.

Schreiben war eigentlich schon immer ein Hobby von mir. Angefangen hat es mit Briefen in die DDR, denn alle meine Verwandten lebten drüben. Zum „öffentlichen“ Schreiben ermutigt hat mich vor vielen Jahren die Leiterin einer Schreibgruppe der Volkshochschule. „Du kannst das, Hilde“ hat sie zu mir gesagt, als ich angefangen habe. So treffe ich mich seitdem wöchentlich mit Frauen, um gemeinsam zu einem Thema zu schreiben. Einmal im Jahr veröffentlichen wir unsere Texte.

Ich möchte mich aber nicht nur in meiner Altersgruppe bewegen, mich interessiert auch, was junge Menschen heute denken. Viel Freude macht mir eine Begegnung von Schülerinnen und Schülern einer Berufsbildungsschule  und Senioren, die im Rahmen des Unterrichts stattfindet. Die jungen Leute erfahren von uns, was wir als junge Menschen erlebt haben, etwa in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit. Ich finde es spannend zu erleben, wie unterschiedlich wir Älteren das Leben wahrgenommen haben und wie aufgeschlossen die jungen Leute uns gegenüber sind.

Seit ich Rentnerin bin, findet man mich alle sechs Wochen auf der Zuschauertribüne des Herforder Rathauses. Ich verfolge gern das Verhandeln und Abstimmen und den Umgang der Fraktionsmitglieder miteinander. Inzwischen habe ich schon die Amtszeiten von vier Bürgermeistern miterlebt. Manchmal wünschte ich mir, dass mehr Bürgerinnen und Bürger bei den Ratssitzungen als Beobachtende dabei wären, um mitzuerleben, wie die Entscheidungen für unsere Stadt zustande kommen.

Wenn ich überlege, weshalb ich das eine oder das andere mache, gibt es viele Gründe und Weichenstellungen in meinem Leben. Aber einen Grund gibt es auch: Ich bin neugierig.


Hilde Lehnert, geb. 1931 in Coswig/Anhalt, lebt seit 1954 in Herford. Bis zum Eintritt ins Rentenalter arbeitete sie als ungelernte Arbeiterin in den Herforder Elektromotorenwerken. 2009 bekam sie den Heiko-Plöger-Bürgerpreis der Stadt Herford für Zivilcourage und bürgerschaftliches Engagement.

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