Ausgabe 2 / 2022

Die Botschaft der Maria Magdala

Votum: Wir sind zusammen in Gott, Quelle des Lebens, Grund der Befreiung, Kraft der Liebe. Amen


Ich habe noch gelernt, Maria sei ein katholischer Name. Weil die Muttergottes Maria hieß. Reformierte Mädchen wurden daher selten Maria getauft. Erstaunlicherweise gab es sogar Männer, die Maria als zweiten Vornamen trugen, der Dichter Rainer Maria Rilke zum Beispiel. Natürlich hieß das, dass er katholisch war, sehr sogar. Im Neuen Testament wimmelt es von Marien. Darum dachte ich lange, sie seien alle katholisch. Erst allmählich begriff ich, dass zur Entstehungszeit der neutestamentlichen Schriften noch niemand katholisch war, es gab überhaupt noch kein Christentum. Maria ist die lateinische Version von Mirjam – und das ist ein jüdischer Name. Jetzt war auch klar: Jesus und seine Mutter, wie alle anderen in den Evangelien, waren Jüdinnen*Juden.

Warum aber hießen so viele Frauen Mirjam? Forscher*innen haben jüdische Namen in der Antike untersucht und festgestellt, dass der Name Mirjam nicht immer gleich gut belegt ist. In älteren Urkunden findet man ihn zum Beispiel überhaupt nicht. Erst relativ spät tauchen Mirjams oder Marias auf – dann aber heftig. Scheinbar aus dem Nichts wird Mirjam zum Frauennamen ‚Number One‘ innerhalb der jüdischen Welt. Dazu passt, dass Mirjam der mit Abstand häufigste Frauenname des Zweiten Testaments ist.

Diese Erkenntnis ist wichtig. Ich dachte nämlich, dass die Erinnerung an die Namen der Frauen nicht so gut funktioniert hatte – an Frauen erinnerte man sich ja eigentlich nicht. Schon als junge Frau kannte ich die Namen der großen Maler und Schriftsteller, Forscher, Politiker – aber Frauennamen waren kaum darunter. Ja, es gab schon auch eine oder zwei Malerinnen, aber wie hießen sie noch…? So war es sicher auch bei den Jüngerinnen Jesu. Da man nicht wusste, wie sie wirklich hießen, nannte man sie einfach Maria. Maria von Bethanien, Maria von Magdala und so weiter.

Doch so war es nicht: Namensforscher*innen konnten zeigen, dass die vielen Belege von Mirjam in einen ganz bestimmten Zeitraum gehörten. Fast drei Viertel aller Vorkommen stammen aus derselben Zeit, nämlich zwischen 63 vor Chr. und 135 nach Chr. Das war die Zeit der römischen Besatzung im Land Israel und damit auch die Zeit des jüdischen Widerstandes gegen die römische Herrschaft. Etwas von diesem Widerstand spüren wir im Magnificat Marias im Lukasevangelium.

Lesung: Lk 1,52-53


52Gott hat Mächtige von den Thronen gestürzt und Erniedrigte erhöht, 53Hungernde mit Gutem gefüllt und Reiche leer weggeschickt.

53Hungernde mit Gutem gefüllt und Reiche leer weggeschickt.


Mirjam, so hieß auch die große Schwester von Mose, selbst eine Prophetin. Sie gilt auch als Anführerin des Volkes, denn sie führte ihr Volk aus dem Sklavenhaus in Ägypten. Dass es zur Zeit der römischen Besatzung plötzlich so viele Mirjams gab, war kein Zufall. Es war die Hoffnung der Eltern auf Befreiung. Eine Mirjam zu sein, hieß, ein Hoffnungsstern zu sein.

Doch Rom wollte unbedingt die Kontrolle über das Land behalten und schickte seine Legionen nach Galiläa und Judäa. Der Widerstand wuchs, es kam zum jüdischen Aufstand, schließlich zum jüdisch-römischen Krieg. Als dieser im Jahr 70 endete, hinterließ er größte Zerstörung.

Genau in dieser Zeit wurde das Markusevangelium verfasst. Es erzählt aus den Erfahrungen der Kriegsgeneration. Viele Ortschaften, die in diesem Evangelium genannt werden, waren vom Krieg schwer getroffen. So auch Magdala, die einst blühende Stadt am See Genezareth. Hier fand eines der größten Massaker dieses Krieges statt: eine Seeschlacht und danach die Bestrafung der Stadtbevölkerung.


Archäologische Ausgrabungen bestätigen, dass die Bevölkerung von Magdala nach dem Krieg drastisch verkleinert und mehrere Viertel von Magdala verlassen waren.

Magdala – dieser Name brannte sich ins kollektive Gedächtnis. Noch heute kennen wir die Tradition, schreckliche Ereignisse mit einem Ort zu verbinden. Ortsnamen stehen für das, was dort geschah. Wir sagen Sarajevo, Srebrenica – und sehen Massengräber.

Maria Magdala ist die wichtigste Zeugin der Kreuzigung Jesu. Wichtig ist zu wissen, dass nicht nur Jesus gekreuzigt wurde. Im römischen Reich war die öffentliche Hinrichtung am Kreuz weit verbreitet. Es wurden vor allem arme Leute, Männer wie Frauen, auf diese Weise getötet, Sklav*innen und Aufständische. Im Krieg wurde massenhaft gekreuzigt. Gekreuzigte blieben zur Abschreckung am Kreuze hängen. Zudem war das öffentliche Betrauern von Gekreuzigten verboten. Wer über den Tod eines Hingerichteten weinte, wurde manchmal selbst gekreuzigt. So berichtet zum Beispiel der römische Geschichtsschreiber Tacitus über Massenhinrichtungen unter Kaiser Tiberius: „Weder Verwandten noch Freunden wurde es vergönnt heranzutreten, sie zu beweinen, ja nicht einmal, sie länger zu betrachten. Wachen waren ringsum aufgestellt, die aufmerksam darauf achteten, ob jemand irgendwelches Zeichen von Trauer verrate.“

Das Markusevangelium erzählt, dass eine Gruppe von Galiläerinnen Jesus am Kreuz nicht aus den Augen ließ, aber sie konnten nur von Ferne zusehen. Auch der Grabbesuch war verboten, darum war das, was die Jüngerinnen taten, risikoreich. Allen voran wird in den Evangelien immer Maria Magdala genannt. Ihr Name vereinigt die Hoffnung auf Befreiung und die Erinnerung an Gewalt. Sie führte die Jüngerinnengruppe bis zum Kreuz, ja bis zum Grab, ins Grab – und wieder hinaus, zurück nach Galiläa. Ihr Name fasst eigentlich alles zusammen.


Später wollte die römische Staatskirche unter Kaiser Konstantin die Erinnerung der Frauen vergessen. Kaiser Konstantin sprach vom Sieg des Christentums, seiner Stärke und Macht. Was die Frauen gesehen hatten, war ab sofort unwichtig, nur Geschwätz namenloser Frauen. Magdala – irgendein unbedeutendes jüdisches Fischerdorf, Maria – war das nicht eine Prostituierte? Oder eine rothaarige Schöne…?

Gebet
Darum möchte ich mich an Maria erinnern. Sie war eine derjenigen von Magdala. Sie verkörpert das Schicksal der schwergeprüften Bevölkerung. Um sie herum sammelte sich eine Weggemeinschaft, die mit ihr nach Jerusalem zog. Sie war Augenzeugin. Sie sieht, was geschehen ist. Und sie hielt stand. Bis zuletzt. || Sie zu sehen, zeigt eine andere Kirchenvision. Ihre Botschaft heißt nicht: Gott hat gesiegt, Christus hat triumphiert. Ihre Botschaft heißt: Wir bleiben im Kontakt, wir lassen uns nicht einschüchtern, und wir geben einen Menschen niemals auf.  Amen

Dr. Luzia Sutter Rehmann ist Titularprofessorin an der Theologischen Fakultät der Uni Basel und Studienleiterin am Arbeitskreis für Zeitfragen, Biel. Ihre Schwerpunkte sind feministische Befreiungstheologie und Sozialgeschichte des Neuen Testaments. Ihr jüngstes Buch „Dämonen und unreine Geister. Die Evangelien gelesen auf dem Hintergrund von Krieg, Vertreibung und Trauma“ erscheint 2023.

Die Andacht wurde von der Autorin gehalten am 21. August 2021 auf Radio SRF 2 Kultur und auf 
Radio SRF Musikwelle um 10.00 Uhr (kath.) und um 10.15 Uhr (ref.), Radiopredigte

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