Ausgabe 1 / 2020 Artikel von Susanne Kschenka

Erstaunlich einig?

Darüber sprechen, wer

Von Susanne Kschenka


Wie geht es Ihnen im Gespräch – 30 Jahre nach der deutschen Einheit? Merken Sie immer noch gleich, wer aus Ost- und wer aus Westdeutschland stammt? Und wenn ja: Woran merken Sie es? An der Sprache, der Haltung, den Themen? Und wenn Sie es merken: Wo erkennen Sie Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede? Und sind diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten für Sie klar Ost und West zuzuordnen?


Mir geht es da inzwischen sehr unterschiedlich, je nachdem, worüber gesprochen wird, wo ich mich befinde, und über welche Zeit wir sprechen. Da bilde ich dann mit ganz unterschiedlichen Menschen ein Wir, manchmal ein sehr homogenes Ost-Wir, manchmal ein komplett gemischtes. Manchmal – immer öfter – ist es für mein heutiges Leben überhaupt nicht mehr wichtig. Und doch taucht dieses „Wir Ostdeutschen“, „Wir Westdeutschen“ in Gesprächen immer noch und immer wieder auf. Vielleicht ist es an der Zeit darüber zu reden, wer „wir“ sind und welches „Wir“ wir mit wem teilen.
Was bedeutet das Wort „wir“ eigentlich von seiner Wortbedeutung her? Im Duden ist da zum Wort allein nicht viel zu holen. Ohne Umschweife wird übergeleitet zum „Wir-Gefühl“ als Gemeinsamkeit, Gemeinschaft, Solidarität, Zusammenhalt und Gemeinschafts- oder Zusammengehörigkeitsgefühl. Das „Wir“ könnte also etwas sein, das sich bildet, wenn ich etwas gemeinsam mit anderen erlebt habe – je tiefer das gemeinsame Erleben desto stärker.


Nehmen wir uns also das Thema Erinnerung an 30 Jahre Friedliche Revolution und deutsche Einheit vor. Mit wem teile ich, die damals 25-jährige Ostdeutsche, ein Wir-Gefühl durch gemeinsam Erlebtes, wenn ich mit anderen über 30 Jahre deutsche Einheit und auch den bewegenden Herbst 1989 spreche?

Ich arbeite als Referentin für politisch-historische Erwachsenenbildung bei der Brandenburgischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur (LAkD). In dem Kontext habe ich 2019 in sieben Orten des Landes Brandenburg Gesprächsabende und einen Gesprächsvormittag zur Erinnerung an die Ereignisse des Herbstes 1989 und die Friedliche Revolution moderiert. Dabei habe ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gefragt: „Was war das einschneidendste Erlebnis im Jahr 1989, an das Sie sich erinnern?“ Daraufhin wurden viele einzelne Geschichten und Momente erzählt, die sich in die Gedächtnisse eingebrannt haben.

Erstaunlich war für viele, was da alles erzählt wurde an sehr persönlichen, tiefgreifenden, ?aber auch sehr unterschiedlichen Erlebnissen, die Menschen zum Teil heute noch emotional tief bewegen. Neben den vielen sehr unterschiedlichen Erlebnissen kristallisierte sich aber auch deutlich Übergreifendes heraus, das zu einem Wir-Gefühl als Zusammengehörigkeit, als gemeinsam Erlebtes führt.

DAS WIR DES AUFBRUCHS

Wir haben das erlebt:

Die Unruhe im Jahr 1989

Beschrieben wurden die Verhaftungen von Oppositionellen zu Beginn des Jahres 1989, die an offiziell-staatlich organisierten „Demonstrationen“ mit eigenen Transparenten und Aufrufen teilgenommen hatten, in U-Haft genommen und zum Teil abgeschoben worden waren. Es wurde an die Wahlfälschung bei den Kommunalwahlen im Mai erinnert, die durch eine konzertierte Aktion mutiger Menschen zum ersten Mal mit Zahlen nachgewiesen werden konnte. Und es wurde daran erinnert, wie viele Menschen, Freundinnen und Freunde, Familien im Sommer 1989 und den Herbst über das Land verließen. Zurück blieben leere Wohnungen und leere Plätze an den Freundestischen.

Wir haben Angst gehabt:

Die Furcht vor der chinesischen Lösung

Vor allem aber steckte vielen das Erschrecken über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 in Peking in den Knochen. Vielen standen noch heute die Tränen der Angst in den Augen, ob alles gut und friedlich gehen würde. Die Sorge um die Kinder, wenn sie als Erwachsene am Abend zur Demo gingen, die Sorge derer, die damals gerade bei der Armee waren oder zur Betriebs-Kampfgruppe gehörten und nicht wussten, ob sie gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt würden. Diese Angst ist 30 Jahre später immer noch sehr präsent.

Wir haben das gewagt:

Der Aufbruch im Herbst

Übergreifend wurde die Hoffnung auf Veränderung beschrieben: die Aufrufe zur Gründung neuer und freier Organisationen und Parteien – bis dahin völlig undenkbar. Friedensgebete in Kirchen, die plötzlich überbordend voll waren, Demonstrationen mit Kerzen – daran erinnerten sich viele. Überall standen Kerzen: vor Polizeiwachen, Staatssicherheitsgebäuden, vor den Rathäusern, damals „Rat der Stadt“, in Fenstern. Forderungen wurden formuliert und laut auf die Straßen getragen, ein Akt der Selbstbefreiung und – ermächtigung.

Wir haben das gefeiert:
Der Mauerfall am 9. November

Dieses Wir ist ein Besonderes – es kommt von beiden Seiten der Grenze. Ostberliner und Ostberlinerinnen laufen durch Westberlin, werden begrüßt, besuchen Verwandte. Westberlinerinnen und Westberliner gehen Freundinnen und Freunde im Ostteil besuchen. Geteilte Orte an der innerdeutschen Grenze kommen zueinander, eine Tür zu einer Zukunft tut sich auf, die keine und keiner so richtig zu denken gewagt hatte. Ein Wir-Gefühl, das Menschen in Ost und West auch teilen.

In dieses Wir des Aufbruchs mischen sich viele einzelne Erlebnisse, die aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln auf das kollektive Erlebnis des Herbstes 1989 zurückschauen. War ich aktiv dabei? War ich zögerlich? Habe ich mich ganz wohl gefühlt in der überschaubaren DDR? Ging mir das alles zu schnell? Hätte ich mich gern in eine demokratisch veränderte DDR eingebracht oder ein verfasstes Deutschland gemeinsam neu gestaltet? Da zersplittert das vermeintliche „Wir“ in Ostdeutschland plötzlich sehr schnell. Andere „Wir“ finden sich zusammen, vor allem auf dem Weg hin zur deutschen Einheit.


DAS WIR DES UMBRUCHS

Wir haben uns eingebracht

Viele haben Verantwortung übernommen an den Runden Tischen, die das Machtvakuum der Übergangszeit füllten, haben sich dann als Bürgermeister*innen, Stadtverordnete oder in den Kreistag wählen lassen. Manche haben ihre Betriebe gerettet, andere die sich auftuenden Freiräume genutzt, Vereine gegründet, soziales Engagement organisiert. Vieles war möglich und nötig. Da war in den 40 Jahre DDR so viel aufgestaut und gebremst worden – endlich konnten Menschen selbstbestimmt in die Geschicke der Orte und des Landes eingreifen und ihre Fähigkeiten umfassend einbringen.

Viele Menschen kamen von West nach Ost – um zu helfen, um Arbeit zu finden, neue Perspektiven zu nutzen – und fanden Arbeit in Verwaltungen, Betrieben, Schulen, Gerichten, Kirchen und ja, auch in der Treuhandanstalt.

Wir wurden nicht mehr gebraucht

Viele haben hautnah erlebt, dass Arbeitsstellen wegfielen, Berufsabschlüsse oder Qualifikationen nicht anerkannt wurden, Betriebe schlossen, obwohl die Menschen für ihre Arbeitsplätze kämpften. Mit westdeutschem Blick waren Betriebe mit einer oft überalterten Technik völlig marode und unsanierbar; mit ostdeutschem Blick hatten Menschen all ihr Wissen und ihre Fähigkeiten eingesetzt, um diese Maschinen immer wieder zu reparieren, am Laufen zu halten und damit zu produzieren. Das verlangte besondere Fähigkeiten und Selbstbewusstsein, was mit westdeutschem Blick oft völlig übersehen oder einfach übergangen wurde.
Menschen wurden oft sinnlos in Fortbildungskurse geschickt und verstanden die Welt nicht mehr. All dies geschah in einer rasanten Geschwindigkeit, die sich die Menschen nicht haben vorstellen können, als sie für Veränderungen auf die Straßen gingen.

Wir haben das so nicht gewollt

Auch dieses „Wir“ ist so vielfältig, dass man genau hinhören muss. Im Aufbruch des Herbstes 1989 wollten viele Zeit haben, um sich darüber klar zu werden, in welcher Gesellschaft sie leben möchten. Selbst etwas gestalten, eine Verfassung erdenken und die Gesellschaft so, wie sie sie im Herbst 1989 aktiv gestaltet hatten, auch weiter aktiv gestalten. Aber auch dieses Wir spaltet sich in sehr unterschiedliche Gruppen auf. Eine große „Wir-Gruppe“ von Ostdeutschen fühlt sich nicht angekommen und anerkannt, um Lebensleistungen gebracht – und auch in dieser „Wir-Gruppe“ verbergen sich viele einzelne Grüppchen. Was einig klingt, ist bei näherem Hinsehen nicht so einig.


MEIN PERSÖNLICHES WIR NACH 30 JAHREN
Mit wem teile ich – 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution und der deutschen Einheit – mein persönliches Wir und mit wem nicht? Das ist durch sehr unterschiedliche Punkte geprägt. Ich trage das Wir der Erinnerung an den Aufbruch 1989 in mir als große tragende Kraft. Meine Augen leuchten, wenn ich mich mit anderen austausche, die es ähnlich erlebt haben. Schwerer fällt es mir, wenn ich auf Menschen treffe, mit denen ich das Wir der Geburt in der DDR teile, aber die mit wehmütigem Blick zurückschauen, den ich nicht habe. Und auch, wenn ich auf meinen alten Freund aus der Bürgerrechtsbewegung treffe, dem ich sehr verbunden bin und der sich für Positionen der neuen Rechten erwärmt, hat unser Wir Risse bekommen.

Ein ganz anderes Wir habe ich mit den Frauen aus meinem Frauenkreis der Kirchengemeinde in Forst, wo ich 30 Jahre gelebt habe. Meine Freundin, mit der ich den Kreis zusammengehalten habe, ist im Westen aufgewachsen. Wir teilen inzwischen durch viele gemeinsam gestaltete Weltgebetstagsfeste, Mirjamgottesdienste und andere Aktivitäten ein sehr kraftvolles, geistlich getragenes Wir.


In meiner letzten Arbeitsstelle habe ich mit meinem Kollegen Axel sehr intensiv zusammengearbeitet und dabei immer wieder vergessen, dass er bei Bremen aufgewachsen ist, so sehr waren wir uns in unserer antirassistischen, demokratischen Haltung in der Bildungsarbeit einig. Immer mehr verwischt sich für mich – vor allem in den Begegnungen, die ich in meiner Arbeit und in der Kirche habe – die Frage der Herkunft aus Ost oder West zu dem Wir der gemeinsamen Arbeit oder geistlichen Begegnung.

Im Oktober 2019 war ich, nunmehr in Berlin wohnend, zum Geburtstag meines alten Onkels, der im Alter ebenfalls nach Berlin gezogen ist. Dort traf ich auf meine Cousins und Cousinen – meine Westverwandtschaft. Wir speisten, erzählten, diskutierten über Politik und waren uns erstaunlich einig, trotz unterschiedlicher Erfahrungen. 30 Jahre deutsche Einheit haben uns zu einem neuen Familien-Wir wachsen lassen, bei dem die Geburt in Ost oder West immer weniger eine Rolle spielt.

Das also ist mein Fazit: Das mit dem „Wir“ ist so eine Sache.
Es ist sehr vielfältig und im Laufe eines Lebens wandelbar. Manche „Wirs“ habe ich neu gefunden, und sie bereichern mein Leben. Manche habe ich wieder verloren. Dann habe ich sie ziehen lassen oder darum gerungen. immer wieder kann und muss ich mich neu orientieren, neugierig sein. Ich finde das sehr spannend.


Die Verortung in einem Wir gemeinschaftlicher Erfahrungen hilft mir zu wissen, woher ich komme, auf welchem Fundament der Erfahrungen ich stehe, welche Werte mich geprägt haben. Es kann mir auch helfen, bei meinem Gegenüber anzuknüpfen und zu fragen, ob sie oder er etwas erlebt hat, das als „großes Wir“ beschrieben wird. Wichtig wäre aber für uns alle, diese – hier oder in Zeitungen und anderen Beiträgen – beschriebenen „Wirs“ nicht als starre Gebilde zu begreifen und festzuschreiben, sondern neugierig zu bleiben, hören zu wollen, was mein Gegenüber wirklich erlebt hat. Bei mir löst sich das „Wir“ Ost – „Ihr“ West vor allem dadurch auf, dass ich Menschen begegne, mit ihnen arbeite, singe, plane.

Ich merke dann schon, dass sie oder er aus dem Westen kommt. Aber das ist Bereicherung; Erfahrungen und Bilder sind zu diskutieren. Wichtig ist, was sie oder ihn heute prägt. Denn darauf kommt es an: Wer sind wir heute, wofür setzen wir uns, geprägt durch unsere unterschiedlichen Erfahrungen, ein? Wenn wir die „Wirs“ als Vielfalt begreifen, nicht als starre Zuordnung, könnten wir der oder dem anderen wirklich auf die Spur kommen und Erstaunliches erleben.


Für die Arbeit in der Gruppe


Zeit / 60-80 min


Hinweis für Leiter*innen: Je nach verfügbarer Zeit und Interesse können Sie in der Gruppe allgemein zum Thema „Wir“ arbeiten oder den Fokus auf den Aspekt „30 Jahre deutsche Einheit“ legen. Wenn Sie beide Aspekte bearbeiten wollen, sollten Sie dafür zwei Treffen vorsehen.

Variante 1
Jede und jeder ist viele „Wir“


Menschen leben in vielen verschiedenen Bezügen mit anderen Menschen zusammen – niemand ist eine Insel. Jede und jeder ist also viele „Wir“. Dabei entsteht unweigerlich ein mehr oder weniger intensives Wir-Gefühl.

Überlegen Sie:
Durch welche Erlebnisse – in ihrer Familie, in der Schule, im Freundeskreis, bei der Arbeit, in der Kirchengemeinde – haben Sie ein „Wir“-Gefühl entwickelt? Schreiben Sie auf unterschiedlichen Moderationskarten oder kleinen Zetteln je ein Stichwort dazu auf.  [ circa 10 Minuten ]


Erzählen Sie: Welches „Wir“ hat Ihr Leben besonders geprägt?  [ evtl. in Kleingruppen; circa 30 Minuten ]

Tauschen Sie sich aus:
Kennen Sie Situationen, in denen Sie das vage Gefühl oder die sichere Erkenntnis hatten, dass ein „Wir“ für Sie nicht (mehr) stimmt? Wie sind Sie damit umgegangen?  [ circa 30 Minuten ]

Variante 2:
Wir“ Ostdeutschen – „Wir“ Westdeutschen


Erinnern Sie sich: Wie haben Sie die Friedliche Revolution / die deutsche Einheit erlebt?  [ circa 15 Minuten ]

Tauschen Sie sich aus:
Vor allem in Gesprächen zwischen Ost- und Westdeutschen taucht oft ein „Wir“ auf: „Wir“ haben damals… – Bei genauerem Hinsehen wird dabei schnell deutlich, dass es dieses „Wir Ostdeutschen“ / „Wir Westdeutschen“ weder in der DDR noch in der BRD gegeben hat. Welchen „Wirs“ in Ost- oder Westdeutschland fühlen sie sich nah oder zugehörig?  [ circa 20 Minuten ]


Lesen Sie gemeinsam den Artikel.  [ circa 20 Minuten ]


Vergleichen Sie Ihre eigenen Erfahrungen mit den Erfahrungen der Autorin. Merken Sie auch, dass jemand aus dem Osten / aus dem Westen kommt? Und wenn ja: Woran merken Sie das? Und wie gehen Sie damit um? [ circa 30 Minuten ]

Susanne Kschenka ist Volljuristin und Mediatorin. 1990 war sie Abgeordnete in der ersten frei ge- wählten Volkskammer der DDR. Sie hat zehn Jahre in der Mobilen Beratung zum Umgang mit Rechts- extremismus in Südbrandenburg gearbeitet, heute ist sie Referentin bei der Aufarbeitungsbeauftragten des Landes Brandenburg. Ehrenamtlich hat sie über viele Jahre aktiv in der Evangelischen Frauenarbeit in Forst (Lausitz) mitgearbeitet.

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