Ausgabe 1 / 2022 Frauen in Bewegung von Kathrin Wallrabe, Dagmar Krok und Frauke Petersen

Go for Gender Justice – eine bundesweite Pilger*inneninitiative

Von Kathrin Wallrabe, Dagmar Krok und Frauke Petersen

Pilgernd dazu beitragen Abwertung und Gewalt zu überwinden, Vielfalt anzuerkennen und Arbeit, Macht und Einfluss fair zu teilen – das ist Ziel von Frauen der Landeskirchen für 2022. Diese Themen wollen sie der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), der erstmals in seiner Geschichte in Deutschland tagt, auf seinem Weg mitgeben.

Die Konferenz der Genderreferate und Gleichstellungsstellen in der EKD hat diese Vollversammlung zum Anlass genommen, ein Projekt zu entwickeln, das Fragen der Geschlechtergerechtigkeit aufgreift. So entstand Go for Gender Justice. Die Initiative ist Teil des Pilgerwegs der Gerechtigkeit und des Friedens des ÖRK. Sie geht in der Bewegung für Gerechtigkeit und Frieden mit und tritt konkret für Geschlechtergerechtigkeit ein. Inzwischen haben sich viele Frauenarbeiten angeschlossen und es sind neun regionale Pilgerprojekte in den Landeskirchen entstanden.

Die Pilgerwege verbinden geistliche Praxis, Erkundung der Realitäten und kritische Reflexion: Sie schärfen die Wahrnehmung für Diskriminierung und stärken das Engagement für Gerechtigkeit. Die Teilnehmenden sammeln Beiträge und Ideen für den Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit und zum Abbau von Diskriminierung in Kirche und Gesellschaft. Regionale Gruppen und Initiativen aus Zivilgesellschaft und Religionen beteiligen sich an der Gestaltung der Pilger*innenwege.

Gemeinsam fragen sie, was die Kirchen beitragen können, um die Würde und Gleichheit aller Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht faktisch umzusetzen, sowie Klischees und Zuschreibungen zu überwinden.

Wir haben Kathrin Wallrabe, Gleichstellungsbeauftragte im Landeskirchenamt Sachsen, gefragt, wie es innerhalb des Projekts Go for Gender Justice zum Schwerpunkt Arbeit von Frauen „wertgeschätzt und fair bezahlt“ kam.

– Arbeit und Geld haben konkret mit unserem Leben zu tun. Das Private ist politisch und die Rahmenbedingungen der Arbeitswelt sollten gleiche Chancen bieten.

– Es gibt große Lohnunterschiede von Frauen und Männern. Frauen verdienten 2020 durchschnittlich 18% weniger je Stunde als Männer. Die Unterschiede fielen in Westdeutschland (und Berlin) mit 20% deutlich höher aus als im Osten (6%). Im Osten Deutschlands ist die Berufstätigkeit und wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen selbstverständlich, was große Debatten im Zuge der Wiedervereinigung auslöste.

– Wir gehen in diesem Spannungsfeld nach Annaberg. Die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern dort sind gering, was daher rührt, dass auch Männer im Osten keine hohen Einkommen erzielen. Um ein Familieneinkommen zu erwirtschaften, müssen meist beide arbeiten, traditionelle Bilder hin oder her. Berufs- und Familienarbeit wird geteilt, unabhängig von Geschlechterrollen. Trotzdem ist die unbezahlte Arbeit überwiegend in Frauenhand, obgleich es im Osten Deutschlands gut ausgebaute Kinderbetreuung gibt.

In der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (EVLKS) arbeiten Frauen in fast allen Berufsbereichen Teilzeit. Z.B.:
Pfarrdienst 28%
Gemeindepädagogik 87%
Kirchenmusik 93,6%


– Auffällig ist, dass Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten, niedriger eingruppiert sind. Darüber hinaus sind Frauen oftmals Teilzeit beschäftigt.

Wie spricht man über Gender und Gerechtigkeit?

– Alle Menschen sind vor Gott gleich und daher kann es weder eine Geschlechterhierarchie noch eine Zuordnung von Eigenschaften per Geschlecht geben. Das bildet sich weder in theologischer Tradition, noch in Politik, noch in Gesellschaft ab. Gender wird, insbesondere auf Sprache und auf das Sternchen bezogen, oft lächerlich gemacht – was überaus bedenklich ist, weil es darum geht, gleiche Rechte und gleiche Chancen zwischen den Geschlechtern herzustellen. Es waren Frauen, die in der Pandemie für die Sorgearbeit in der Erwerbsarbeit zurücksteckten. Viele Frauen arbeiten in Dienstleistungs- und Gesundheitsberufen, in Minijobs und sie sind die Gruppe, die in Sachsen die höchste Infizierungsrate an Covid-19 hatte.

Welche Gesprächsfäden und Etappen wollen Sie aufnehmen?

– Wir wollen Hoffnungs- und Schmerzpunkte besuchen.
Schwerpunkte und Gesprächsfäden auf der Reise führen durchs Erzgebirge, wo es immer schon Armut gab und immer schon Frauen, die im Handwerk oder im Bergwerk gearbeitet haben. In der St. Annen-Kirche, deren Patronin, die heilige Anna, eine Patronin des Geldes ist, ist an der Altarrückseite eine Frau in der Silberwäsche zu sehen. Vor diesem 500 Jahre alten Bild startet der Pilgerweg. Besucht wird u.a. Dachdeckermeisterin, Firmenchefin und Familienfrau Michaela Wolf. Weitere Etappen beschäftigen sich mit Berufen im Handwerk, Gastgewerbe und Pflegeeinrichtungen, wo wir die Situation der Pflegenden untersuchen. Der Louise-Otto-Peters-Verein berichtet über das erkämpfte Recht der Frauen auf Berufstätigkeit.

Mit Frau Wolf, dem Louise-Otto-Peters-Verein und anderen wurde ein Kurzfilm gedreht: www.youtube.com/watch?v=yCmf4GoIPGI

– Im Erzgebirge wurde Reichtum durch den Silberbergbau geschöpft, aber blieb nicht dort. Barbara Uthmann ist ein prominentes Beispiel einer Unternehmerin in der Montanindustrie, aber nicht das einzige. Es gab etliche adlige Frauen, die im Bergbaugeschehen mitwirkten, z.B. Herzogin Margaretha von Sachsen, Lehnsträgerin der „Gnädigen Frauen Zeche“. Das zeigt, dass Frauen schon immer arbeiteten, schon immer um die Anerkennung ihrer Erwerbsarbeit kämpften und für die gerechte Bezahlung einstanden.

Die Publikation „Frauen am Lutherweg“ beschäftigt sich u.a. mit Frauen in der Montanindustrie und deren Kampf um Selbstständigkeit.

– Das sind die Hoffnungspunkte. Schmerzpunkte werden die Diskussionen über Rückschritte bei Frauenrechten, Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Minijobs, Altersarmut und Debatten zur Genderthematik in populistischen Strömungen sein, die auch im kirchlichen Milieu Einfluss haben.

– Die Pilgerprojekte der Initiative laden zum Pilgern unter dem Blickwinkel Geschlechtergerechtigkeit ein. Sie könnten so etwas wie eine Feldforschung sein, um zu untersuchen, wie sieht’s denn mit der Gleichberechtigung konkret in unseren Gemeinden und Orten aus? Welche Verantwortung hat die Kirche für eine gerechte Gesellschaft?

Was könnte daraus hervorgehen?

– Es gibt im Grundgesetz Artikel 3, Abs. 2 den Zusatz, dass der Staat auf die tatsächliche Umsetzung der Gleichstellung hinwirken und bestehende Nachteile abbauen soll. Mit den Pilgeretappen vor Ort wollen wir uns die lokale, die eigene Wirklichkeit anschauen und verändern.

– In der Landeskirche Sachsen gab es bereits den Vorschlag, in der Verfassung festzuhalten, dass in der Landeskirche der Grundsatz von Gleichstellung zwischen Männern und Frauen gelte und die Landeskirche aktiv auf die Beseitigung von Ungleichheiten hinwirke. Das ist leider bei der 27. Synode abgelehnt worden. Es muss eine wirkliche Wahlfreiheit und gute Unterstützungsmöglichkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf geben. Der Kirchenbezirk Löbau-Zittau und die eeb wurden mit dem Evangelischen Gütesiegel Familienorientierung zertifiziert, das ist ein guter Schritt.

Zahlen aus dem LK Amt Sachsen Tätigkeitsbericht Synode 2021 Gleichstellung.
Synode
Frauenanteil der 28. Landesynode: 28% (= 27. Synode). Berufen wurden 7 Frauen, 13 Männer.

Beide Stellvertreter der Synodalpräsidentin sind Männer. Kein synodaler Ausschuss wird durch eine Frau geleitet.

Kirchenleitung
7 Frauen und 11 Männer (Synodale: 4 Frauen/6 Männer). Vorige Kirchenleitung: 6 Frauen und 12 Männern.

Kollegium
Kollegium des LKA: 4 Frauen, 6 Männer stimmberechtigt (2019: 2 Frauen/8 Männer).

Die Wahl der Synodalpräsidentin erfolgte anhand einer paritätischen Aufstellung.

Synodalpräsidentin 2020: Bettina Westfeld. 2. weibliche Leitung der Synode in der Geschichte der EVLKS.

Im Landeskirchenamt 2019 wurde ausgewogenere Beteiligung von Frauen im Kollegium durch die Berufung der Oberlandeskirchenrätinnen Schaefer und Kuhn erreicht.

–  Es braucht aktive Bemühungen und wirkliche Willensanstrengungen der Institutionen, denn Rechte entwickeln sich nicht von selbst. Wir brauchen darüber hinaus Bildungsarbeit in diesem Punkt. Rollenbilder und -erwartungen müssen schon in der Kinder- und Jugendarbeit thematisiert werden. Leider werden Einsparungen auch dort vollzogen, wo Bildungsarbeit zu Geschlechterrollen angeboten werden, obgleich dies eine der größten Veränderungen der Gesellschaft ist und Kirche angemessene Antworten darauf finden muss.

– Die EKD ist mit dem Gremienbesetzungsgesetz schon recht gut aufgestellt, wie der Lutherische Weltbund mit der Quote 40/ 40 /20 seit 1984 (Frauen/Männer /Jugend). Auf den landeskirchlichen Ebenen ist es unterschiedlich.

– Die Aktivität, die genuin im Pilgern steckt, zeigt, dass man sich bewegen muss. Mit „wertgeschätzt und fair bezahlt“ betrachten wir die konkreten Arbeitsbedingen für Frauen und Männer in Kirche und Gesellschaft. Am 2. Februar gab es eine Auftaktveranstaltung mit Frau Büdenbender und Frau Bosse Huber, die der gemeinsame Startpunkt der Pilgernden war. Am Tag der Menschenrechte, 10. Dezember 2021, wurde die Homepage des Großprojekts gelauncht. Dort speisen die einzelnen Pilgerprojekte ihre Arbeit ein: Informationen, eine interaktive Karte, weiterführende Texte, sowie ein Leitfaden zur eigenen Projektplanung. Eine transformative Ergebnissicherung dessen, was entdeckt und gesammelt wurde, wird auf der Vollversammlung des ÖRK 2022 eingebracht und für die eigne Arbeit vor Ort nutzbar sein und in der eigenen Öffentlichkeit gestreut werden.
(Übersetzung des Leitfadens geschieht ins Englische, Italienische und Französische)

Wo sehen sie die größten Schwierigkeiten in Bezug auf das Projekt? Was gibt es für Hindernisse und auf welcher Ebene?

– Wirklich schön war die Unterstützung, die das Projekt aus der Landeskirche erhalten hat. Der Landesbischof warb im Einleitungsvideo für Geschlechtergerechtigkeit und faire Bezahlung – sogar für geschlechtergerechte Sprache! Durch die Pandemie musste die intensiv arbeitende Gruppe in Annaberg immer wieder vertröstet und die Planungen angepasst, umgeworfen, neugestaltet werden. Das war nicht einfach, besonders nicht für die Partner*innen vor Ort.

– Widerstand entzündet sich an dem Begriff Gender Justice. Es ist bewusst gewählt, aber der Eindruck besteht fort, dass Gender in Sachsen ein Reizthema ist. Oft auch ohne Auseinandersetzung: Da wird ein Thema lächerlich gemacht, tabuisiert, das uns doch alle tagtäglich angeht. Gewalt gegen Frauen, Altersarmut, Teilhabe sind doch keine Lappalien.

Das Problem ist handfest, die Ungerechtigkeit ist offensichtlich. Glauben Sie, es ist ein sprachliches Problem und wollten Sie die Auseinandersetzung forcieren, weil Gerechtigkeit und Gleichstellung zwei Paar Schuhe sind?


– Erwerbsarbeit als Komplex beinhaltet geschlechtliche Vielfalt genauso wie binäre Ungerechtigkeit zwischen Frauen und Männern. Gerade dort ist dieser Widerstand paradox. Wir hatten doch in Sachsen immer berufstätige Frauen. Ist Gender dabei nur eine Scheindebatte? Wird, besonders aus AfD-nahen Kreisen, dagegen nur gewettert, weil man die tatsächliche Ungerechtigkeit dahinter verschleiern kann? Oft ist Widerstand gar nicht aktiv, sondern passiv in den Strukturen. Deswegen müssen diese Themen immer wieder neu durchdacht werden. Warum zum Beispiel werden Quoten nur bei Frauen oder Minderheiten problematisiert, bei politischen Strömungen oder Stadt-Land-Verteilungen aber nimmt man es hin?

– Schön wäre es, wenn die Bildungsarbeit und die Theologie in der Landeskirche das Genderthema, also die Gerechtigkeit der Geschlechter, als Querschnittaufgabe aufgreifen würde. Bei „Gender“ und „Justice“ geht es nicht um eine Umkehr der Wirklichkeit, sondern darum, die Wirklichkeit der Lebensentwürfe anzuerkennen und wertzuschätzen und Menschen in ihrer Vielfalt wirklich unterstützen. Sodass wir wirklich dem Leben dienen.

Schließen Sie sich an und pilgern Sie mit!

In neun Landeskirchen finden 2022 regionale Pilgeretappen zu aktuellen Fragen der Geschlechtergerechtigkeit statt. Oder initiieren Sie Ihren eigenen Pilgerweg! Überlegen Sie welches Thema vor Ort richtig und wichtig ist und gestalten sie dazu eine Pilgeretappe.

Zum Weiterlesen:
Unterstützung, ausführliche Informationen, Ideen und Material: www.go-for-gender-justice.de/ Werbung und Veröffentlichung erfolgt über die Homepage/Newsletter der Landeskirche, die Anmeldung zur Pilgeretappe in Annaberg über die Frauenarbeit Sachsen: www.frauenarbeit-sachsen.de/ anmeld/anmeldung.php

Für die Arbeit in der Gruppe

Zeit
unbestimmt

Folgend ist eine Inspiration für die Gestaltung eines eigenen Pilgerwegs am eigenen Ort, angelehnt an den g4gj-Leitfaden, mitgegeben. Die Schritte und Fragen helfen bei der Umsetzung einer eigenen Etappe:

1 Thema finden
Geschlechtergerechtigkeit: Welche Herausforderungen oder Themen stehen vor Ort an?
Was wollen Sie bearbeiten?

2 Wegbegleitung finden
Welche Perspektiven wollen Sie einbringen? Welche Kooperationspartner*innen bieten sich daher an? Geschlechter- oder generationenübergreifend? Ökumenisch bzw. interreligiös? Zeitzeug*innen oder Impulsgeber*innen? Denken Sie auch an Finanzierungsmöglichkeiten über Netzwerke!

4 Zeitplan gestalten
Wollen Sie ein Wochenende, einen Tage oder mehrere Tage wandern? Davon hängt der Aufwand für Kost und Logis ab. Für die Wanderenden muss es außerdem machbar bleiben. Ein Zeitplan der Pfuffer, Pausen, Verpflegung und Abwechslung (geistliche Impulse und Hoffnungs- bzw. Schmerzpunkte sollten sich ausgleichen) ist ratsam.

5 Wegführung planen
Woran soll sich die konkrete Planung der Wegführung der Etappe orientieren? Passende lokale Initiativen? Spirituelle Orte? Besonderen historische Bedeutung? Pittoreske Landschaften?

6 Finanzierungsmöglichkeiten finden
Wandern selbst kostet wenig, aber Unterbringung, Fortbildungen etc. müssen bedacht werden. Geschlechtergerechtigkeit ist förderwürdig aus bspw. Mitteln der politischen und demokratischen Bildungsarbeit; vielleicht kann man Gleichstellungsstellen/-beauftragten einbinden?

7 Pilgergruppe unterwegs
Gemeinsames Wandern bedarf ein paar Verbindlichkeiten. Im Vorfeld sollten nicht nur Packliste, Liedtexte und Route allen Teilnehmenden gegeben werden, es bedarf auch Absprachen zum Zusammensein – Handynutzung, Verantwortung für Zeitplan etc. Planen Sie für Absprachen vorher und nachher Zeit ein.

Und nun: Go!

Einen exemplarischen Ablauf für einen Pilgertag finden Sie unter https:// www.go-for-gender-justice.de/ pilgerweg-selbst-gestalten/.


Dagmar Krok ist Diakonin und Dipl.-Sozialpädagogin. Sie arbeitet als Referentin im Frauenwerk der Nordkirche und ist Mitglied im Redaktionsbeirat leicht & SINN.

Kathrin Wallrabe arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte und Ansprechstelle für sexualisierte Gewalt in der EVLKS. Außerdem ist sie Regionalkoordinatorin des Frauennetzwerkes Women in Church and Society (WICAS) im Lutherischen Weltbund für die Region West- und Zentraleuropa.

Frauke Petersen ist feministische Historikerin. Als Referentin im Evangelischen Zentrum Frauen und Männer sind ihre Schwerpunkte Intersektionalität, Diversität und Queerness. Sie ist Redakteurin der leicht & SINN.


 


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