Ausgabe 1 / 2020 Andacht von Hanne Finke

Und manchmal sind wir sprachlos

Von Hanne Finke


Im Namen der Lebendigen feiern wir Andacht. //  Gott, öffne unsere Herzen und Ohren, //  schenk uns Verbindung zu Dir, //  nähre unsere Sehnsucht. //  Amen


Lied
Morning has broken
freitöne Nr. 10
oder Atme in uns, Heiliger Geist
freitöne Nr. 7


„Staunen“ können wir nicht machen, nicht planen, nicht verordnen. Staunen ist eine Erfahrung. Eine Erfahrung des Mich-ergreifen-Lassens. Ich lade Sie ein, sich dieser Erfahrung in unserer Andacht zu öffnen. Wenn es geht, schließen Sie jetzt Ihre Augen und legen Ihre geöffneten Hände in den Schoß; ich werde jeder, jedem von Ihnen etwas hineinlegen.

Für die Arbeit in der Gruppe

Die Leiterin oder der Leiter legt jeder, jedem eine sehr kleine Blüte (wie Gänseblümchen, Ehrenpreis) oder ein winziges Blatt (Minze, Berberitze) in die geöffnete Hand.

Öffnen Sie jetzt Ihre Augen wieder und betrachten Sie in Ruhe die kleine Blüte oder das Blättchen in Ihrer Hand.
Kurze Stille


Wer mag, kann ein Wort, das ihr/ihm gerade im Kopf ist, in die Runde sagen.


Eine Freundin erzählte mir: Vor ein paar Jahren war ich auf einer Wanderung im Vogelsberggebiet, um zu einer Quelle zu gelangen. Den Fluss, der aus ihr gespeist wird, hatte ich schon öfter gesehen. Der Pfad im Wald war schmal, Moos und feuchtes Holz überall, Steine, kleine Wasserpfützen, wo ist die Quelle? Ich ging weiter, wieder zurück, ein Suchen, dann: ganz unscheinbar, eine Art Wasserloch und ein sehr leises, schwaches, aber stetiges „Gurgeln“ im Wasser. Ich stand still, schaute wie gebannt, war gerührt, vergaß alles um mich herum, horchte auf das leiseste Rauschen – staunte.

Kennen Sie auch solche Erlebnisse in der Natur, in denen Sie gestaunt haben? Tauschen Sie sich darüber kurz mit Ihrer Nachbarin / Ihrem Nachbarn aus.
Kurze Murmelrunde


Ein leuchtender Regenbogen, eine unverhoffte Begegnung, herrliche Blüten am Wegesrand, ein Kind läuft die ersten Schritte – immer wieder erleben wir Situationen, in denen wir staunen. Wir sind begeistert, wir sind „hingerissen“, und manchmal sind wir sprachlos. Was geschieht da mit uns? Wir spüren: Hier, in diesem Moment geschieht etwas Besonderes. Uns ist dieses Besondere bewusst – und meistens gibt es auch Worte dafür. Eine Emotion beim Erleben von Unerwartetem, könnte eine fachliche Erklärung hier lauten. Und dieses Erleben, das wissen Menschen schon lange, führt uns weiter – von der inneren Bewegung in eine aktive Auseinandersetzung mit einer Sache. Thomas von Aquin sagt: „Das Staunen ist eine Sehnsucht nach Wissen“.

Wir kennen das: Die kleine Lena beobachtet völlig versunken eine sich verpuppende Raupe auf einem Blatt; sie hört den Vater nicht rufen, hat die Welt um sich herum vergessen. Etwas später wird das Mädchen vermutlich herauszufinden versuchen, was es mit dieser Beobachtung auf sich hatte, wird verstehen wollen und etwas Neues in den bisherigen Erfahrungsschatz integrieren. Erleben wir als Erwachsene auch solche Momente? Oder haben wir dieses Staunen verlernt?
Kurze Stille und Austausch

Lied
„Wie ein Lachen,
wie ein Vogelflug,
steigt ein Lied zum Himmel auf.
Und ich staune, mir wird leicht,
Gottes Flügel tragen weit.“
WortLaute. Liederheft zum EG, 37


Es gibt aber auch ein Staunen, das darüber hinausgeht. Jenes Staunen, das uns im Bereich der Mystik begegnet. Dorothee Sölle schreibt dazu: „Die Seele braucht das Staunen, das immer wieder erneute Freiwerden von Gewohnheiten, Sichtweisen, Überzeugungen, die sich … um uns lagern. Dass wir ein Berührtwerden vom Geist des Lebens brauchen, dass ohne Staunen, ohne Begeisterung nichts Neues beginnen kann, scheint vergessen.“ Kurz zuvor schildert sie ein Erlebnis mit ihrem kleinen Sohn, der, gerade Zahlen lernend, vor einem Haus stehenblieb und sich nicht vom Fleck rührte. „Mama, guck doch, diese wundervolle Fünf-hundert-sieben-und-dreißig!“ Die Überlegungen der Theologin: „Er war versunken im Glück. Ich denke, dass jede Entdeckung der Welt uns in einen Jubel stürzt, ein radikales Staunen, das die Schleier der Trivialität zerreißt. Nichts ist selbstverständlich!“1

Dieses Staunen geschieht jenseits von Zeit und Raum, ist ein Zustand der Versunkenheit, der Selbstvergessenheit. Wie können wir das nachvollziehen? Gedanklich gelingt uns das vielleicht – aber in das Staunen selbst geraten wir nicht mit unserem Willen. Denn dieses Staunen ist völlig frei von Zweckrationalität, von Berechnung. „Sunder warumbe“, ohne Warum hat der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart das genannt. Beim Erleben dieses Staunens ohne Zweck und Nutzen sind wir ganz wach und doch in einer anderen Welt. Das Ich tritt heraus aus seinen vorgegebenen und eingebildeten Grenzen, es ist eine „Begeisterung, die uns reicher macht als alles Besitzbare“ (D. Sölle). Da spüren wir dann auch eine große Freude, ja eigenes Staunen beim Erlebnis, bei anderen dieses Staunen zu sehen. Und diese Freude ist „eine Art, Gott zu loben“.

Wir haben nachgedacht über das Staunen: das Staunen zum Beispiel über ein faszinierendes Naturereignis, das uns antreibt, mehr wissen, verstehen zu wollen. Und das andere, das zweckfreie, radikale Staunen, das uns „in eine andere Welt“ versetzt, uns mit „dem Himmel“, mit Gott selbst in Verbindung bringt. Welche Fragen und Gedanken gehen uns dazu jetzt durch den Kopf?


Die  Leiterin / der Leiter lädt zu einem Schreibgespräch hierüber ein. Vorbereitet ist auf einem großen Tisch ein langes Papier (Tapete oder Papiertischdecke); Stifte liegen bereit. Auf das Papier schreibt sie/er jetzt in Großbuchstaben und groß das Wort STAUNEN. Ohne miteinander zu reden, notieren die TN ihre Fragen und Gedanken dazu. Dann gehen sie zum Lesen um den Tisch – dabei können die Fragen und Gedanken der anderen schriftlich weitergeführt oder kommentiert werden. [circa 10-15 Minuten]

Es ist schon etwas Besonderes mit dem Staunen: Wir können es nicht machen. Und doch können wir uns für das Staunen öffnen, indem wir erwarten, dass wir staunen können. Wir können üben, unsere Sinne zu öffnen für das, was wir erfahren, und uns diesen Erfahrungen hingeben.


Lied
Heilig bist du
Das Liederbuch.
Lieder zwischen Himmel und Erde, 62


Segen
Lebendige, Du, //  mach uns achtsam für deine Zeichen, //  schenk uns Offenheit für deine Nähe, //  segne unsere Erfahrungen mit dem Staunen.


Alternativ können auch Lieder aus dem EG gewählt werden – zum Beispiel: Morgenlicht leuchtet (EG 455); Morgenglanz der Ewigkeit (EG 450,1); Öffne meine Augen (EG 176); Ich steh vor dir mit leeren Händen (EG 382,1)


Quellenangaben

1)
Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand, Hamburg 1997, S. 124f; vgl. den längeren Auszug in diesem Heft S. 38-39

Hanne Finke ist Erzieherin und Diplompädagogin und hat in der städtischen Familien- und Sozialarbeit gearbeitet. Ehrenamtlich war sie unter anderem Landesbeauftragte und damit Sprecherin der Ehrenamtlichen im Frauenwerk der Hannoverschen Landes- kirche. Sie ist Mitglied im Redaktionsbeirat leicht & SINN.

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