Ausgabe 2 / 2021 Artikel von Annegret Trübenbach-Klie und Alexandra Langmeyer

Verlassene Eltern und Großeltern

Erklärungsansätze und Umgangsmöglichkeiten

Von Annegret Trübenbach-Klie und Alexandra Langmeyer

Verlassene Eltern und Großeltern sind ein wenig beachtetes Phänomen, obgleich die Praxis zeigt, dass es in Arbeitsfeldern von Seelsorger*innen und Psycholog*innen häufig vorkommt. Aus Sicht der Pfarrerin Bettina von Kienle ist das Verlassenwerden von Eltern ein Tabuthema, weil die Gesellschaft die Schuldfrage geklärt weiß: „Es liegt an den Eltern, die haben etwas falsch gemacht […] Gewaltunterstellungen sind nicht selten.“ Die Einschätzung „Wir sind nur die Spitze des Eisberges“ eines Teilnehmers einer Gesprächsgruppe, die Frau Kienle in ihrer Gemeinde initiierte und die mittlerweile bundesweit Menschen einbindet, bestätigt diese Vermutung.

Aus frühen Gesellschaften ist der Ausschluss der „Alten“ bekannt. Das Überleben von Gesellschaftsgruppen war von Fortpflanzung und aktivem Beitrag abhängig. Alte, die nicht mehr beitragen konnten, wurden ausgestoßen oder gingen selbst in die Isolation, in die Wildnis, ins Alleinleben. Dieses Gehen aus der Gesellschaft war aber meist vorherzusehen und ritualisiert.

Im Gegensatz dazu haben im europäischen Kontext der letzten Jahrhunderte alle Altersgruppen das Recht auf Daseinsvorsorge erworben, der Generationenvertrag in Deutschland ist Ausdruck davon. Hier „ausgestoßen“ zu werden ist ein persönlich einschneidendes und schmähendes Erlebnis.

Laut der Generali Altersstudie von 2017 ist es nur ein Prozent zwischen 65 und 85 Jahren, die ihre Kinder oder Enkelkinder nicht sehen. Ein Prozent von 15,18 Millionen Menschen sind trotzdem mehr als 150.000 Menschen, die ihre Kinder und Enkelkinder nicht sehen. Die Studie benennt die Gründe dafür nicht.

Großeltern, die ihre Enkel sehen, haben eine deutlich höhere Lebenszufriedenheit. Der Kontakt zwischen den Generationen hat positive Wirkungen. Bei Beziehungsabbrüchen in Familien, wenn Eltern die Erfahrung machen, dass ihre Kinder den Kontakt verweigern oder abbrechen, sind die Gründe für diese Abbrüche sehr individuell, in der Regel nicht geklärt und unausgesprochen, Gesprächsmöglichkeiten fehlen. Zurück bleiben Hilflosigkeit, Scham, Schuldgefühle, Sprachlosigkeit, Traurigkeit.

Die Ursachen- und Beziehungsforschung steckt hier in den Kinderschuhen. Wir können nur aus verschiedenen Bereichen Thesen zusammentragen, die solche Beziehungsabbrüche verstehbarer machen.

Eine Erklärung bringt unausgesprochene erlebte Traumata in Bezug auf historische Geschehnisse mit Beziehungsabbrüchen in Verbindung. Erlebnisse, die an die Generationen der Kriegskinder und -enkel weitergegeben werden und diffuse Wirkungen entfalten, bis hin zu Kontaktabrücken. Auch andere erlebte, unbearbeitete Traumata in der frühen Eltern-Kind-Beziehung können Ursache dieser Kontaktabbrüche sein.

Außerdem greifen gesellschaftliche Entwicklungen stark in Familienwirklichkeiten ein. Während vor 100 Jahren meist mehrere Generationen in einem Haus zusammenwohnten und gemeinsam wirtschafteten, leben die meisten Familien heute nicht gemeinschaftlich. Eine Auswertung des deutschen Alterssurveys (2014) zeigt, dass nur noch ein gutes Drittel der Großeltern Enkel und somit Kinder in der näheren Umgebung hat. Immerhin sind 80% in ca. zwei Stunden erreichbar. Im selben Haus leben nur 6% zusammen.1

Beziehungen unter Generationen werden, das zeigen Untersuchungen, eher besser bewertet. Und gleichzeitig ist klar, dass Beziehungen über weitere Distanzen besonders gepflegt werden müssen, um sie aufrechtzuerhalten und Fremdwerden zu verhindern. Nur wenn die persönliche Kontaktaufnahme ohne größeren Aufwand möglich ist, können Großeltern eine bedeutsame Bezugsperson für Kinder sein. Somit ist die Nähe zum Haushalt der Kinder und Enkelkinder ein entscheidender Faktor.

Während Frauen 2008 im Mittel noch mit 50,6 Jahren Großmütter wurden war es 2014 mit 51,3 Jahren schon ein halbes Jahr später (Männer: 52,9 Jahre vs. 54,3 Jahre).

Demographische Entwicklungen verändern Familienkonstellationen: In den letzten 60 Jahren haben wir eine Generation an Lebenszeit dazu gewonnen. Die erhöhte Lebenswartung führt dazu, dass mehr Generationen miteinander Kontakt haben können. Großeltern und Enkelkinder haben heute im Schnitt rund 30 Jahre gemeinsame Lebenszeit – eine lange Zeit, um Beziehungen zu gestalten. Die Kontakthäufigkeit nimmt ab 75 Jahren zwar ab, so die Generali Studie 2017, dafür werden jüngere Großeltern besonders häufig in die Betreuung der Enkelkinder eingebunden.

Die späteren Erstgeburten führen zu späterer Großelternschaft. Einerseits wird der Altersabstand dadurch größer, andererseits stehen im Rentenalter zeitliche Ressourcen eher zur Verfügung. Interessant ist, dass die Kontakthäufigkeit der Enkel zu den Großeltern in unteren sozialen Schichten höher ist als in höheren sozialen Schichten, in Kleinstätten höher als in Großstätten und Verwitwete und Verheiratete ihre Enkelkinder häufiger sehen als Geschiedene.

Da die Anzahl an Kindern pro Familie rückläufig ist, geht auch die Anzahl der Enkelkinder pro Großelternteil zurück. Vor 100 Jahren gab es wenige Großeltern, die viele Enkel hatten. Heutzutage kommen wenige Enkel auf viele Großeltern. Die deutschen Alterssurveys 2014 zeigen, dass Großeltern im Mittel nur knapp drei Enkelkinder haben. Damit erhöhen sich die Erwartungen an die einzelnen Kinder und Enkel. Auch das Heranwachsen dieser wenigeren Kinder hat sich verändert.
Seit 2013 und der Einführung des Rechtsanspruchs auf Kinderbetreuung ab einem Jahr normalisiert sich der frühe Kitabesuch auch in Westdeutschland. Im Schulalter ist das Aufwachsen ebenfalls geprägt vom institutionellen Kontext. Die zeitlichen Ressourcen der Kinder sind knapper und Kontakte zur älteren Generation müssen langfristig geplant werden.

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland wird Großeltern. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Beziehung zu den Enkeln abbricht, z.B. durch eine Trennung der Eltern. Denn etwa 36% aller in einem Jahr geschlossenen Ehen werden im Laufe der nächsten 25 Jahre geschieden; bei jeder zweiten dieser geschiedenen Ehen gibt es minderjährige Kinder. In Folge einer Scheidung der Eltern werden die Kontakte zu Großeltern mütterlicherseits oftmals intensiver, wohingegen die Kontakthäufigkeit zu den Großeltern väterlicherseits abnimmt oder sogar abbricht.

Der Kontakterhalt über weite Distanzen ist zur Beziehungspflege wichtig. Bei großen Wohnortentfernungen bieten sich digitale Kommunikationsmöglichkeiten an, den intergenerationellen Kontakt zu gestalten. Vorausgesetzt, es gibt digitale und technische Zugänge. In Pandemiezeiten war und ist der digitale Kontakt eine wichtige „Überlebensstrategie“, sodass sich diese Entwicklung im vergangenen Jahr beschleunigte.

In der guten Gestaltung von Beziehungen liegt es, Beziehungsabbrüchen vorzubeugen. Dabei können bewusste Treffen und Aktionen, wie zum Beispiel Enkel-Großelternangebote, in Gemeinden und Kindergärten ihren Beitrag leisten. Eltern und Institutionen werden als Mittler zwischen den Generationen gebraucht.

Zum Weiterlesen:
Baldo Blinkert, Generation 55plus: Lebensqualität und Zukunftsplanung, Freiburg 2016.

Generali Deutschland AG, Generali Alterstudie 2017, Köln 2017

François Höpflinger, Cornelia Hummel, Valérie Hugentobler, Enkelkinder und ihre Großeltern. Intergenerationelle Beziehungen im Wandel, Zürich 2006.

Carolin Seilbeck, Alexandra Langmeyer, Ergebnisse der Studie „Generationenübergreifende Zeitverwendung: Großeltern, Eltern, Enkel“.

2018. www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2018/WEB_DJI_GenerationZeit.pdf
Projektanregungen aus der Praxis
In den vergangenen Jahren haben sich Projekte etabliert, bei denen junge Generationen den Älteren technische Unterstützung anbieten. In Kooperationen mit Schulen z.B. zeigen Schüler*innen den Umgang mit Smartphone, Tablet und Computer. Im Austausch bekommen sie Stricken, Kochen oder Reparieren von Fahrrädern beigebracht. Daraus entwickeln sich Beziehungen über den familiären Kontext hinaus: „Soziale Großelternschaft“.

Neue soziale Kontakte im Nahraum zu ermöglichen, ist eine wichtige Strategie, wenn andere familiäre Kontakte abbrechen oder nicht gelebt werden können. Gemeinden können gute Generationenbeziehungen über die Familie hinaus unterstützen und die Sprachfähigkeit fördern, um Verständnis für unterschiedliche Lebensrealitäten aufzubringen.

Gesprächsgruppen sind ein wichtiges Angebot um aus der Sprachlosigkeit herauszukommen, die „schmähende“ Erfahrung mit anderen zu teilen und zu merken, nicht allein zu sein. Pfarrerin Bettina von Kienle selbst ist ausgebildete Seelsorgerin und arbeitet mit Therapeut*innen und anderen Seelsorger*innen zusammen. Im Mittelpunkt steht die Aufarbeitung der verlorenen Beziehung, Abschiednehmen, Loslassen – inneren Frieden mit einer nichtänderbaren Situation finden. Sich auf das, was ist zu konzentrieren hilft, um in der Nachbarschaft soziale Familienbeziehungen aufzubauen.

Eine bewährte Methode ist biografisches Arbeiten.
Um Vertrauen zu schaffen, wird lebensgeschichtliches und biografisches Herangehen zugrunde gelegt. Einen kleinen Einblick in biografische Arbeit in der Frauengruppe bietet Hanna Manser „Welche Geschichte hat Ihre Frisur?“ (leicht&SINN 1/2020).

Bundesweit gibt es Initiativen und Selbsthilfegruppen,
z.B. die

Bundesinitiative Großeltern2 oder kleinere Gruppen im Stadtteiltreff.3 Aber auch Beratung kann weiterhelfen. Es gibt in den meisten Städten Familienberatungsstellen, die dabei helfen können, mit der Situation umzugehen oder bei Konflikten moderieren.

Aus der evangelischen Landeskirche in Baden: Lichtblicke „Zerrissene Familienbande? Wenn Kinder den Kontakt abbrechen.“ www.youtube.com/watch? v=yxYzrHpWhO4

Anmerkungen
1)  vgl. Abbildung 1, aus Seilbeck & Langmeyer, 2018.
2) https://www.grosselterninitiative.de/
3)  http://www.nt-trudering.de/angebot/gruppen/treffen-zum-thema-kontaktverbot-enkelkindergrosseltern/

Dr. Alexandra Langmeyer, Deutsches Jugendinstitut München e.V., ist Leiterin der Fachgruppe „Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern“.

Annegret Trübenbach-Klie, Freiburg/Karlsruhe, ist Bildungsreferentin der Evangelischen Erwachsenen- bildung Baden, Senioren- und Familienbildung.

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